I. Einleitung
Der Libanon steht erneut an einem entscheidenden Wendepunkt. Der Krieg zwischen den Vereinigten Staaten und dem Iran brach am 28. Februar 2026 aus, als die USA und Israel einen Präventivschlag gegen den Iran ausführten. Nach der Tötung des Obersten Führers des Irans, Ayatollah Ali Khamenei, eröffnete die Hisbollah eine neue Front in diesem Krieg, indem sie Raketenangriffe auf Israel startete.
Seit dem Ausbruch des Krieges zwischen den Vereinigten Staaten und dem Iran hat sich die politische und wirtschaftliche Krise im Libanon verschärft. Das instabile politische, wirtschaftliche und sicherheitspolitische Umfeld hat die Lage zusätzlich verschlimmert.
Als die Regierungen des Libanon und Israels jedoch am Freitag, dem 26. Juni 2026, nach monatelangen direkten Verhandlungen und unter Vermittlung der Vereinigten Staaten ein Rahmenabkommen unterzeichneten, gingen Demonstranten in der Hauptstadt Beirut auf die Straße, um gegen das Waffenstillstandsabkommen zu protestieren und ihrer Empörung über die Vereinbarung Ausdruck zu verleihen. Obwohl der Waffenstillstand den von einem langen Krieg erschöpften libanesischen Bürgern Frieden und eine Atempause verspricht, schwenkten viele Demonstranten Flaggen der Hisbollah, um ihre Ablehnung des Waffenstillstands zwischen dem Libanon und Israel zum Ausdruck zu bringen.
Diese Situation wirft eine Frage auf: Warum stellen sich so viele Einwohner Beiruts, die vom langen Krieg mit Israel erschöpft sind, auf die Seite der Hisbollah und lehnen dieses Waffenstillstandsabkommen ab?
Die Hisbollah ist eine im Libanon ansässige schiitisch-muslimische politische Partei und bewaffnete Organisation, die vom Iran unterstützt wird und militärisch gegen die israelische Invasion und Besetzung des Südlibanon kämpft.
Israel und die Hisbollah sind seit Oktober 2023 in Auseinandersetzungen unterschiedlicher Intensität verwickelt. Israel hat seine Kämpfe gegen die Hisbollah jedoch bei zwei Gelegenheiten erheblich ausgeweitet. Die erste Eskalation erfolgte im September 2024, die zweite vor etwa vier Monaten, im Februar 2026, nach dem Ausbruch des Krieges zwischen den Vereinigten Staaten und dem Iran.
Vor diesem Hintergrund versucht die vorliegende Arbeit, die folgenden beiden Fragen zu beantworten: Erstens, wie entstand die vom Iran unterstützte Hisbollah im Libanon? Zweitens, wie gelang es der Hisbollah, innerhalb des Libanon eine derart starke politische und militärische Macht zu erlangen, dass sie ohne Einschränkung durch die legitime libanesische Regierung und die regulären Streitkräfte eigenständig militärische Angriffe gegen ausländische Akteure wie Israel durchführen kann?
II. Wie entstand die Hisbollah im Libanon?
1. Überblick
Die Hisbollah ist eine im Libanon ansässige schiitisch-muslimische politische Partei und militante Organisation. Ihr umfassender Sicherheitsapparat, ihre politische Organisation und ihr Netzwerk sozialer Dienstleistungen haben ihr den Ruf eines „Staates im Staate“ eingebracht. Die vo, Iran unterstützte Organisation wurde in den Wirren des fünfzehn Jahre dauernden libanesischen Bürgerkriegs gegründet und wird von ihrer Gegnerschaft zu Israel sowie ihrem Widerstand gegen den westlichen Einfluss im Nahen Osten geprägt. [1]
Aufgrund ihrer Beteiligung an weltweit verübten Terroranschlägen wurden Teile der Hisbollah – und in einigen Fällen die gesamte Organisation – von den Vereinigten Staaten und zahlreichen anderen westlichen Staaten als Terrororganisation eingestuft.
Die Hisbollah ging aus der schiitischen Bevölkerungsgruppe der libanesischen Gesellschaft hervor. Nach einer Schätzung des CIA World Factbook aus dem Jahr 2022 machen Schiiten, wie Abbildung 1 zeigt, 31,2 Prozent der libanesischen Bevölkerung aus. Sie stellen vor allem in drei Gebieten des Libanon einen großen Teil der Bevölkerung: im Südlibanon, in Beirut und dessen Umgebung, insbesondere in Dahieh, sowie in der nordöstlich gelegenen Bekaa-Ebene. [2]

Abbildung 1: Karte des Libanon (Quelle: Britannica)
Der Libanon erlangte am 22. November 1943 seine Unabhängigkeit, nachdem die französische Armee ihre Truppen aus dem Land abgezogen hatte. Der Libanesische Nationalpakt bildete fortan den Rahmen für die staatliche Ordnung. Auf dieser Grundlage wurden politische Privilegien, darunter Parlamentssitze sowie hohe bürokratische und politische Ämter, auf die 17 anerkannten konfessionellen Gemeinschaften verteilt, wobei sich die Aufteilung ungefähr an der jeweiligen Größe der einzelnen Gemeinschaften orientierte.
Die beiden wichtigsten Ämter, das des Staatspräsidenten und das des Ministerpräsidenten, wurden den Maroniten beziehungsweise den Sunniten zugewiesen. Den Schiiten wurde in Anerkennung ihres Status als drittgrößte Bevölkerungsgruppe des Landes das Amt des Parlamentspräsidenten übertragen. Trotz dieser institutionellen Vertretung blieben sie politisch, gesellschaftlich und wirtschaftlich marginalisiert.
Aufgrund des Nationalpakts von 1943 waren die Schiiten politisch unterrepräsentiert. Dieser sah vor, die Sitze in der Legislative sowie die Ämter in Exekutive und Militär ungefähr entsprechend der demografischen Größe der achtzehn anerkannten konfessionellen Gemeinschaften des Landes zu verteilen. Im Jahr 1946 besetzten christliche Maroniten beziehungsweise sunnitische Muslime 40 beziehungsweise 27 Prozent der höchsten zivilen Ämter. Auf die Schiiten entfielen dagegen lediglich 3,2 Prozent.
Bis zu den 1980er-Jahren waren die Schiiten mit fast 1,4 Millionen Menschen zur größten einzelnen Konfessionsgemeinschaft des Libanon geworden. Damit übertrafen sie sowohl die maronitische als auch die sunnitische Bevölkerung, deren Größe jeweils auf knapp 800.000 Menschen geschätzt wurde. Die Schiiten waren der Auffassung, dass ihre politische Repräsentation nicht ihrer zahlenmäßigen Stärke entsprach.
In wirtschaftlicher Hinsicht lebte die schiitische Gemeinschaft im Libanon insgesamt in großer Armut. Fast 85 Prozent der Schiiten lebten in den ländlichen Gebieten des Südlibanon sowie in einem Teil der Bekaa-Ebene. Sie bestritten ihren Lebensunterhalt hauptsächlich durch den Verkauf von Tabak an das staatliche Monopol oder durch den Gemüseanbau. Darüber hinaus waren sie den militärischen Auseinandersetzungen zwischen Israel und der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) ausgesetzt.
Um diesen schwierigen Lebensbedingungen zu entkommen, wanderten viele Schiiten in die Elendsviertel Ostbeiruts und in die informellen Siedlungen der südlichen Vororte Beiruts ab. Ahmad Nizar Hamzeh, außerordentlicher Professor für Politikwissenschaft an der Amerikanischen Universität Beirut, schreibt, dass „diese beiden Gebiete, die als ‚Elendsgürtel‘ bekannt waren, in den 1980er-Jahren zum Nährboden des schiitischen militanten Aktivismus wurden“. [3]
2. Die schiitische politische Bewegung vor der Entstehung der Hisbollah
Zwischen 1943 und 1990 wurden die schiitischen Gebiete im Südlibanon und auf der Bekaa-Ebene über lange Zeit vom libanesischen Staat vernachlässigt, der seine Ressourcen in andere Regionen lenkte. Die Schiiten waren stark unterrepräsentiert und hatten nur sehr wenig Einfluss auf die Regierung.
Die libanesische Gesellschaft wurde traditionell von den sogenannten Za’ims beherrscht, politischen Patronen aus führenden feudalen Familien. Dieses Za’im-System wurde bereits früh scharf kritisiert, insbesondere von dem in Nadschaf ausgebildeten Geistlichen Muhammad Jawad Mughniyya. Dieser veröffentlichte 1956 Zeitungsartikel gegen den Kapitalismus, den Feudalismus und den prowestlichen Bagdadpakt und forderte von den „niederträchtigen Politikern und der herrschenden Clique“ Gerechtigkeit für die Bauern. Mughniyyas Engagement wurde später von Musa Sadr fortgeführt.
Der Widerstand gegen den Feudalismus gewann zunehmend an Stärke, und gegen Ende der 1960er-Jahre verfügten die Za’ims nur noch über wenig Macht. Stattdessen schlossen sich immer mehr Schiiten einer Vielzahl linker Organisationen an, insbesondere solchen, die eine Reform des libanesischen Systems und die Abschaffung des Konfessionalismus forderten.
In den 1960er- und frühen 1970er-Jahren stellten Schiiten einen beträchtlichen Teil der Mitglieder der Arabischen Nationalistischen Bewegung, der Baath-Partei in der Zeit von 1947 bis 1966, der Libanesischen Kommunistischen Partei, der Syrischen Sozial-Nationalistischen Partei und der Progressiven Sozialistischen Partei. In Letzterer machten sie im Jahr 1958 rund 20 Prozent der Mitglieder aus. Auch in den im Libanon ansässigen palästinensischen Gruppierungen waren zahlreiche Schiiten aktiv, insbesondere in der Fatah, der Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP) und der Arabischen Befreiungsfront.
Schiitische Kreise ehemaliger Mitglieder der Arabischen Nationalistischen Bewegung gründeten später weitere Parteien und Organisationen. Dazu gehörten der Sozialistische Libanon, die Organisation der Libanesischen Sozialisten, die Organisation der Kommunistischen Aktion im Libanon und die Arabische Sozialistische Aktionspartei. Diese vertraten die Auffassung, dass Gewalt das wirksamste Mittel sei, um den Klassenkonflikt zu beenden.
Mehrere Schiiten erlangten in linken Kreisen große Bekanntheit. Zu ihnen gehörten insbesondere die marxistisch-leninistischen Intellektuellen Husayn Mroue und Mahdi Amel, der Führer der Organisation der Kommunistischen Aktion im Libanon, Mohsen Ibrahim, sowie Assem Qanso, ein führender Vertreter der Arabischen Sozialistischen Baath-Partei.
3. Musa Sadr in den 1960er- und 1970er-Jahren
Bereits in den 1960er- und 1970er-Jahren begann der charismatische Führer Imam Musa al-Sadr, die bis dahin politisch weitgehend passiven Schiiten des Libanon zu mobilisieren.
Im Jahr 1960 kam Imam Musa Sadr in den Libanon, um zur führenden schiitischen Persönlichkeit in der Stadt Tyros zu werden. Schon bald entwickelte er sich zu einem der prominentesten Fürsprecher der schiitischen Bevölkerung des Libanon, die sowohl wirtschaftlich als auch politisch benachteiligt war. 1969 wurde er zum ersten Vorsitzenden des Obersten Islamischen Schiitischen Rates ernannt, einer Institution, die den Schiiten mehr Mitspracherecht in der Regierung verschaffen sollte. Im Jahr 1974 gründete er die „Bewegung der Entrechteten“, um bessere wirtschaftliche und soziale Lebensbedingungen für die Schiiten durchzusetzen. Zudem errichtete er im gesamten Südlibanon zahlreiche Schulen und medizinische Einrichtungen, von denen viele bis heute in Betrieb sind.
Zu Beginn des libanesischen Bürgerkriegs verbündete er sich zunächst mit der Libanesischen Nationalbewegung. Die Bewegung der Entrechteten entwickelte außerdem einen bewaffneten Flügel mit dem Namen Afwaj al-Muqawama al-Lubnaniyya – „Libanesische Widerstandsregimenter“ –, der besser unter der Bezeichnung Amal bekannt wurde.
Obwohl Amal aus der von dem charismatischen Musa al-Sadr gegründeten Bewegung der Entrechteten (Harakat al-Mahrumin) hervorgegangen war, wandte sich die Organisation nach Sadrs Entführung im Jahr 1979 vorübergehend der säkularen Führung von Husayn al-Husayni und ab 1980 der Führung von Nabih Berri zu. Unter Berris Leitung entfremdete Amal zahlreiche religiöse Schiiten, da die Organisation die von Syrien unterstützte Präsidentschaft von Elias Sarkis befürwortete und Sadrs Kampf für soziale und politische Reformen durch Kompromisse abschwächte. Die Säkularisierung der Amal-Bewegung bot den aus Nadschaf ausgewiesenen Geistlichen ideale Voraussetzungen, um ihre militante Form des schiitischen Aktivismus zu verbreiten.
Während Musa Sadr den libanesischen Staat als legitime, jedoch reformbedürftige Institution betrachtete und enge Beziehungen zu reformorientierten christlichen Politikern aufgebaut hatte, weigerten sich einige libanesische Seminaristen in Nadschaf, den Staat Libanon, seine bestehenden Grenzen oder sein auf dem Konsens der Konfessionsgemeinschaften beruhendes System der Machtteilung als unumstößliche Gegebenheiten anzuerkennen.
Diese Gruppe organisierte sich unter der Aufsicht des irakischen Ayatollah Muhammad Baqir al-Sadr, eines Cousins Musa Sadrs und eines der führenden Geistlichen am schiitischen theologischen Seminar, der sogenannten Hawza, im irakischen Nadschaf. Diese Geistlichen entwickelten die Vorstellung eines islamischen Staates und errichteten ein geheimes Netzwerk, das unter dem Namen Hizb al-Da’wa – „Partei des islamischen Aufrufs“ – bekannt wurde und im Libanon eine Schwesterpartei gründete. [4]
4. Die Entstehung der Hisbollah
Die Hisbollah entwickelte sich in einem gesellschaftlichen Umfeld, das von einer Reihe radikalisierender Ereignisse geprägt war. Nach der Unabhängigkeit des Libanon im Jahr 1943 war die schiitische Gemeinschaft im Verhältnis zu den anderen Bevölkerungsgruppen überproportional stark von Armut betroffen. Sie wurde von einer sunnitisch-christlichen Führungselite an den Rand gedrängt und war gemessen an ihrer zahlenmäßigen Größe deutlich unterrepräsentiert.
Im Jahr 1976 wurden nach den gewaltsamen Ereignissen des Karantina-Massakers sowie der Belagerung des schiitischen Viertels Naba’a und des palästinensischen Flüchtlingslagers Tel al-Zaatar, dessen Bewohner zu 43 Prozent Schiiten waren, mehr als 100.000 Schiiten gewaltsam aus dem ostbeirutischen Einflussgebiet vertrieben und nach Dahieh sowie in den Südlibanon umgesiedelt. Das Umfeld der Radikalisierung wurde durch das Verschwinden Musa Sadrs im Jahr 1978 und insbesondere durch den Erfolg der iranischen Revolution im Jahr 1979 weiter verstärkt. Ihre Wirkung war so tiefgreifend, dass nach dem Ausbruch des Iran-Irak-Krieges im September 1980 etwa 500 bis 600 Freiwillige der Amal-Bewegung in den Iran reisten, um sich Mostafa Chamran anzuschließen. [5]
Das entscheidendste Ereignis für die Entstehung der Hisbollah war die israelische Invasion des Libanon im Jahr 1982. Vor der Invasion hatte die Palästinensische Befreiungsorganisation (PLO) den Südlibanon als Ausgangsbasis für Operationen gegen israelische Ziele genutzt. Israel marschierte in den Libanon ein, um die PLO zu vertreiben und seinen Verbündeten Bachir Gemayel als Präsidenten einzusetzen. Dabei wurden 80 Prozent der Dörfer im Südlibanon zerstört, und etwa 400.000 Menschen wurden zur Flucht aus ihren Häusern gezwungen. Diese Ereignisse führten letztlich zur Gründung der Hisbollah als bewaffnete Organisation mit dem Ziel, die israelischen Besatzungstruppen zu vertreiben.
Die Hisbollah wurde 1982 von libanesischen schiitischen Geistlichen mit Unterstützung der Islamischen Revolutionsgarde des Irans (IRGC) gegründet. Obwohl die Hisbollah-Miliz bereits zuvor als Reaktion auf die israelische Invasion des Libanon entstanden war, festigte die Organisation ihre formelle Gründung offiziell durch die Veröffentlichung ihres ersten Manifests im Jahr 1985.
Nach Ahmad Nizar Hamzeh, dem Autor des Buches In the Path of Hizbullah, wirkten vier Krisenbedingungen als Katalysatoren für die Entstehung der Hisbollah: [6]
a. Identitätskrise und Marginalisierung
Als der Libanon am 22. November 1943 seine Unabhängigkeit erlangte, „hatten die Schiiten das Gefühl, die verachteten Stiefkinder eines Staates zu sein, der von einem maronitisch-sunnitischen Bündnis regiert wurde“. Damit waren die Voraussetzungen dafür gegeben, dass schiitische Schutzorganisationen wie die Hisbollah innerhalb der schiitischen Bevölkerung großen Rückhalt finden konnten.
b. Strukturelles Ungleichgewicht
Aufgrund des Nationalpakts von 1943 waren die Schiiten politisch unterrepräsentiert. Dieser sah vor, legislative und exekutive Ämter sowie militärische Positionen ungefähr im Verhältnis zur demografischen Größe der achtzehn anerkannten konfessionellen Gemeinschaften des Landes zu verteilen. Im Jahr 1946 besetzten christliche Maroniten beziehungsweise sunnitische Muslime 40 beziehungsweise 27 Prozent der höchsten zivilen Ämter. Auf die Schiiten entfielen hingegen lediglich 3,2 Prozent.
Bis zu den 1980er-Jahren waren die Schiiten mit fast 1,4 Millionen Menschen zur größten einzelnen Konfessionsgemeinschaft des Libanon geworden. Damit übertrafen sie sowohl die maronitische als auch die sunnitische Bevölkerung, deren Größe jeweils auf knapp 800.000 Menschen geschätzt wurde. Die Schiiten waren der Ansicht, dass ihre politische Repräsentation nicht ihrer zahlenmäßigen Stärke entsprach.
In wirtschaftlicher Hinsicht lebte die schiitische Gemeinschaft im Libanon insgesamt in großer Armut. Fast 85 Prozent der Schiiten lebten in den ländlichen Gebieten des Südlibanon sowie in einem Teil der Bekaa-Ebene. Ihren Lebensunterhalt bestritten sie überwiegend durch den Gemüseanbau oder den Verkauf von Tabak an das staatliche Monopol. Darüber hinaus waren sie den militärischen Auseinandersetzungen zwischen Israel und der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) ausgesetzt.
Um diesen schwierigen Lebensbedingungen zu entkommen, wanderten viele Schiiten in die Elendsviertel Ostbeiruts und in die informellen Siedlungen der südlichen Vororte Beiruts ab. Professor Hamzeh zufolge entwickelten sich diese als „Gürtel des Leidens“ bezeichneten Gebiete in den 1980er-Jahren zu einem Zentrum schiitischer militanter Aktivitäten und trugen letztlich zur Entstehung der Hisbollah bei.
c. Militärische Niederlage
Wenn eine Identitätskrise und ein strukturelles Ungleichgewicht durch eine militärische Niederlage zusätzlich verstärkt werden, nimmt das Potenzial einer Gesellschaft zur Militanz erheblich zu. Eine militärische Niederlage mit anschließender ausländischer Besatzung schafft günstige Bedingungen für den Aufstieg militanter Bewegungen. Diese können politische Organisationsstrukturen aufbauen, Guerillakriegsführung betreiben und dabei auf breite Unterstützung innerhalb der Bevölkerung zurückgreifen.
Genau dies geschah, als Israel 1978 im Rahmen der Operation Litani und 1982 während des Libanonkriegs in den Libanon einmarschierte. Hamzeh zufolge verfolgte Israel mit diesen Maßnahmen das Ziel, die PLO aus dem Libanon zu vertreiben und das Land dem Einfluss Syriens zu entziehen. Israel hoffte, dass ein von Syrien und der PLO befreiter Libanon mit einem christlich dominierten Regierungssystem Frieden und engere Beziehungen zwischen beiden Ländern ermöglichen würde.
Diese israelischen Militäroperationen trafen jedoch insbesondere die im Südlibanon lebenden Schiiten schwer. Die israelischen Streitkräfte töteten mehr als tausend schiitische Zivilisten, was zu einer weiteren Massenflucht schiitischer Flüchtlinge in die Elendsviertel Beiruts führte.
Die israelische Invasion und Besetzung des Libanon im Jahr 1982 begünstigte den Aufstieg der Hisbollah, da sie ein politisch-militärisches Umfeld schuf, das die Entstehung der Organisation legitimierte und eine Begründung für ihre Guerillakriegsführung lieferte. In ähnlicher Weise stärkte auch die Anwesenheit westlicher ausländischer Truppen im Libanon, insbesondere der US-Marines, die Position der Hisbollah. Die Organisation betrachtete den Kampf gegen diese Truppen als ebenso legitim wie den Widerstand gegen die israelische Besatzung.
d. Demonstrationseffekt: Der Erfolg der Islamischen Revolution im Iran im Jahr 1979
Hamzeh zufolge entfaltete die Islamische Revolution des Irans ihre stärkste Wirkung im Libanon, obwohl die beiden Länder keine gemeinsame Grenze haben. Der Grund dafür lag darin, dass die seit Langem benachteiligten Schiiten des Libanon von der Revolution tief beeindruckt und für die Botschaft der islamischen Revolution des Irans besonders empfänglich waren.
Schiitische Geistliche aus dem Libanon, dem Irak und dem Iran – insbesondere Khomeini – kannten einander bereits gut aus der schiitischen Stadt Nadschaf im Irak, wo sie gemeinsam an theologischen Studienkreisen teilgenommen hatten. Kurz nach Khomeinis siegreicher Rückkehr in den Iran am 1. Februar 1979 wurde er zum unangefochtenen Führer und wichtigsten ideologischen Vordenker der Schiiten innerhalb und außerhalb des Irans.
Im August 1982 traf er auf der Konferenz Islamischer Bewegungen in Teheran – der sogenannten ersten „Konferenz für die Unterdrückten“ – mit militanten libanesischen schiitischen Geistlichen wie Scheich Subhi al-Tufayli und Sayyed Abbas al-Musawi sowie weiteren Aktivisten zusammen. Infolgedessen beschleunigten diese libanesischen schiitischen Geistlichen, inspiriert von der iranischen Revolution, die Gründung der Hisbollah.
III. Wie konnte die Hisbollah im Libanon so große Macht und so starken Einfluss erlangen?
1. Überblick
Die große Stärke und der weitreichende Einfluss der Hisbollah im Libanon trotz ihrer vergleichsweise kurzen Geschichte seit ihrer Gründung im Jahr 1982 beruhen auf einer Kombination aus ihrer beträchtlichen militärischen Macht, einer tief in der schiitischen Bevölkerung verankerten politischen Basis, einem umfangreichen, von der Hisbollah bereitgestellten sozialen Wohlfahrtsnetz sowie strategischen politischen Bündnissen, die es ihr ermöglichen, den gespaltenen libanesischen Staat zu ihren Gunsten zu beeinflussen. Insbesondere stellen die Schiiten seit Langem die größte konfessionelle Bevölkerungsgruppe des Libanon dar.
Der Libanon erkennt offiziell 18 Religionsgemeinschaften an. Obwohl seit 1932 keine offizielle Volkszählung mehr durchgeführt wurde, deuten demografische Schätzungen darauf hin, dass etwa 65 bis 70 Prozent der Bevölkerung Muslime sind, darunter Sunniten und Schiiten, rund 30 Prozent Christen, überwiegend Maroniten und griechisch-orthodoxe Christen, und etwa 5 Prozent Drusen.
Aus der Volkszählung von 1932 ging hervor, dass Christen 50 Prozent der libanesischen Bevölkerung ausmachten. Die Maroniten, die größte christliche Konfessionsgemeinschaft und zu jener Zeit weitgehend in Kontrolle des Staatsapparats, stellten 29 Prozent der Gesamtbevölkerung. [7]
Die Gesamtbevölkerung des Libanon wurde für das Jahr 1956 mit 1.411.000 Menschen angegeben. Die größten Gemeinschaften waren die Maroniten mit 424.000 Mitgliedern, die sunnitischen Muslime mit 286.000, die schiitischen Muslime mit 250.000, die griechisch-orthodoxen Christen mit 149.000, die griechisch-katholischen Christen mit 91.000, die Drusen mit 88.000, die armenisch-orthodoxen Christen mit 64.000, die armenisch-katholischen Christen mit 15.000, die Protestanten mit 14.000, die Juden mit 7.000, die syrisch-katholischen Christen mit 6.000, die syrisch-orthodoxen Christen mit 5.000, die lateinischen Katholiken mit 4.000 sowie die Assyrer der Kirche des Ostens mit 1.000 Mitgliedern.
Eine im Jahr 2010 von dem in Beirut ansässigen Forschungsinstitut Statistics Lebanon durchgeführte und vom Außenministerium der Vereinigten Staaten zitierte Studie schätzte die Bevölkerung des Libanon auf etwa 4,3 Millionen Menschen: [8]
40,5 Prozent waren Christen. Davon entfielen 21 Prozent auf Maroniten, 8 Prozent auf griechisch-orthodoxe Christen, 5 Prozent auf melkitische Katholiken und 6,5 Prozent auf kleinere christliche Gemeinschaften, darunter Protestanten, armenisch-orthodoxe und armenisch-katholische Christen, syrisch-orthodoxe und syrisch-katholische Christen, römisch-katholische Christen, chaldäisch-katholische Christen, Angehörige der Assyrischen Kirche des Ostens sowie Kopten. Mindestens 54 Prozent gehörten dem Islam an, darunter 27 Prozent Schiiten, 27 Prozent Sunniten sowie Alawiten und Ismailiten. 5,6 Prozent waren Drusen, die in der libanesischen Verfassung der muslimischen Bevölkerungsgruppe zugerechnet werden.
Darüber hinaus gibt es eine sehr kleine Zahl weiterer religiöser Minderheiten, darunter Bahá’í, Buddhisten, Hindus, Juden und Mormonen.
Im Jahr 2023 zitierte das Außenministerium der Vereinigten Staaten eine ebenfalls von Statistics Lebanon durchgeführte Studie, der zufolge sich die libanesische Bevölkerung zu 69,3 Prozent aus Muslimen und zu 30,5 Prozent aus Christen zusammensetzte. Der muslimische Bevölkerungsanteil umfasste 32,2 Prozent Schiiten, 31,2 Prozent Sunniten, 5,5 Prozent Drusen sowie insgesamt 0,6 Prozent Alawiten und Ismailiten. [9]
Von den Christen waren 52,5 Prozent Maroniten und 25 Prozent griechisch-orthodox. Zu den weiteren christlichen Gemeinschaften gehörten griechische Katholiken beziehungsweise Melkiten, armenisch-orthodoxe und armenisch-katholische Christen, syrisch-orthodoxe und syrisch-katholische Christen, Assyrer, chaldäisch-katholische Christen, Kopten, Protestanten – darunter Presbyterianer, Baptisten und Siebenten-Tags-Adventisten –, römische beziehungsweise lateinische Katholiken sowie Mitglieder der Kirche Jesu Christi.
Wie die Erhebung von 2023 zeigt, machen Schiiten mehr als 32 Prozent der libanesischen Bevölkerung aus und stellen damit die größte Konfessionsgemeinschaft des Landes. Daher erscheint es bis zu einem gewissen Grad nachvollziehbar, dass die Hisbollah, die innerhalb dieser Bevölkerungsgruppe großen Rückhalt genießt, im Libanon über beträchtliche Macht und erheblichen Einfluss verfügt. Neben diesen demografischen Faktoren sind insbesondere die folgenden Aspekte dafür ausschlaggebend, dass die Hisbollah im Libanon eine derart starke Stellung einnehmen kann:
a. Politische Macht und politischer Einfluss
Seit ihrer Teilnahme an den Parlamentswahlen von 1992 ist die Hisbollah als offizieller politischer Akteur im libanesischen Parlament vertreten und hat zudem Ministerposten im Kabinett übernommen. Sie ist ein zentrales Mitglied der „Koalition des 8. März“, die die libanesische Politik maßgeblich geprägt hat. Aufgrund dieser politischen Stellung und ihres institutionellen Gewichts kann die Hisbollah bei wichtigen nationalen Entscheidungen im Libanon faktisch ein Vetorecht ausüben.
b. Militärische Überlegenheit
Mit Unterstützung des Irans agiert die Hisbollah als mächtigster nichtstaatlicher Akteur im Nahen Osten und verfügt über Waffenbestände, die jene der regulären libanesischen Streitkräfte übertreffen. Ihre militärische Stärke bildet eine wesentliche Grundlage dafür, rivalisierende Kräfte innerhalb des Libanon davon abzuhalten, ihre Autorität infrage zu stellen.
c. Bereitstellung umfangreicher Sozial- und Wohlfahrtsleistungen
Die Hisbollah betreibt eigenständig ein weitreichendes Netz sozialer Einrichtungen und Infrastrukturen, darunter medizinische Einrichtungen, Schulen und Wiederaufbauprogramme. Dieses soziale Sicherheitsnetz trägt dazu bei, innerhalb der schiitischen Gemeinschaft eine starke Loyalität gegenüber der Organisation aufzubauen. Zugleich fördert es das Bild der Hisbollah als leistungsfähiger Anbieter in einem Bereich, in dem die libanesische Zentralregierung historisch nur unzureichend handlungsfähig gewesen ist.
d. Konfessionelles System der Machtteilung
Das politische System des Libanon ist konfessionell organisiert. Dies führt zu einer Struktur, in der die Zentralregierung geschwächt, zersplittert und besonders anfällig für Korruption ist. Die Hisbollah nutzt diese strukturellen Schwächen, um ihren Einfluss durch Absprachen zwischen politischen Eliten sowie durch formelle und informelle Bündnisse mit anderen Gruppierungen, darunter auch christliche Parteien, weiter auszubauen.
e. Ideologie des Widerstands
Die Hisbollah verfügt aufgrund ihrer historischen Rolle im Widerstand gegen die israelische Besetzung des Südlibanon über ein erhebliches Maß an innenpolitischer Legitimität. Von ihren Anhängern wird sie als Schutzmacht angesehen, was jeden Versuch, die Organisation zu entwaffnen, erheblich erschwert.
2. Die starke politische Macht und der Einfluss der Hisbollah
In den vergangenen zwanzig Jahren rangen im Libanon vor allem zwei große politische Bündnisse um die Macht: die „Koalition des 8. März“ und die „Koalition des 14. März“. Beide umfassten traditionell sowohl christliche als auch muslimische Mitglieder. Ein wesentlicher politischer Unterschied zwischen den beiden Lagern betraf ihre außenpolitische Ausrichtung. Die Koalition des 8. März, der christliche und schiitische Kräfte angehören, darunter die Hisbollah und die Amal-Bewegung, befürwortet enge Beziehungen zu Syrien und dem Iran. Die Koalition des 14. März, die sich üblicherweise aus christlichen Kräften und einem größeren Anteil sunnitischer Mitglieder zusammensetzte, tritt dagegen grundsätzlich für engere Beziehungen zu den Vereinigten Staaten, Frankreich und Saudi-Arabien ein.
Die „Koalition des 8. März“ ging aus den Parlamentswahlen von 2018 als Siegerin hervor. Bei den ersten Parlamentswahlen seit 2009 errang sie 76 der insgesamt 128 Sitze und damit 60 Prozent der Mandate.
Im Jahr 2019 stellte die Koalition 18 der 30 Minister im libanesischen Kabinett, was ebenfalls einem Anteil von 60 Prozent entsprach. Damit war sie im Parlament und im Kabinett gleichermaßen stark vertreten. Im libanesischen Kabinett von 2021 verfügte die Koalition über 16 der insgesamt 24 Ministerposten, also über 66 Prozent.
Wie Abbildung 2 zeigt, errang die „Koalition des 8. März“ bei den Parlamentswahlen von 2022 jedoch nur noch 61 der 128 Sitze, was einem Anteil von 47 Prozent entsprach. Damit verlor sie ihre parlamentarische Mehrheit, konnte jedoch weiterhin die Wahl zum Präsidenten des Parlaments für sich entscheiden.

Abbildung 2: Das zersplitterte Parlament des Libanon (Quelle: CFR)
Ein bedeutender politischer Durchbruch erfolgte im Libanon im Jahr 2025 und verdeutlichte, wie stark der Einfluss der Hisbollah nach ihrem Waffenstillstandsabkommen mit Israel von 2024 zurückgegangen war. Das Land war seit 2022 mehr als zwei Jahre lang politisch weitgehend gelähmt, nachdem die Parlamentswahlen keine mehrheitsfähige Koalition mit einem klaren Regierungsmandat hervorgebracht hatten. Dies war unter anderem darauf zurückzuführen, dass die Hisbollah und ihre politischen Verbündeten eine Einigung über Kandidaten für das Amt des Staatspräsidenten und des Ministerpräsidenten blockierten und die entsprechenden Abstimmungen behinderten.
Die lang anhaltende politische Pattsituation endete jedoch Anfang 2025, als eine Mehrheit im Parlament den erfahrenen Armeekommandeur Joseph Aoun zum Staatspräsidenten und den angesehenen Juristen und Diplomaten Nawaf Salam zum Ministerpräsidenten wählte. Experten zufolge zeigte dieser Durchbruch bei der Wahl der beiden technokratisch geprägten Führungspersönlichkeiten, dass der Einfluss der Hisbollah geschwunden war. Die Hisbollah hatte sich lange gegen Aoun ausgesprochen, stimmte seiner Kandidatur Berichten zufolge jedoch schließlich zu, um dringend benötigte internationale Hilfen für den Wiederaufbau des Libanon freizugeben. [10]
Gemeinsam mit der Amal-Bewegung gehört die Hisbollah zu den beiden wichtigsten Parteien, die die schiitische Gemeinschaft vertreten, die größte religiöse Bevölkerungsgruppe des Libanon. Die Amal-Bewegung hat sich dazu verpflichtet, ihre Ziele mit politischen Mitteln zu verfolgen, verfügt jedoch weiterhin teilweise über bewaffnete Kräfte, die die Hisbollah bei Bedarf unterstützen.
Die Hisbollah nimmt seit 1992 an Parlamentswahlen teil und ist seit November 2005 als Teil der libanesischen Regierung im Kabinett vertreten. Der Block „Loyalität zum Widerstand“ bildet den politischen Arm der Hisbollah im libanesischen Parlament. Über diesen Block ist die Hisbollah seit den libanesischen Parlamentswahlen von 1992 im Parlament vertreten, bei denen sie 12 der insgesamt 128 Sitze gewann. Bei den Wahlen von 1996 errang die Hisbollah sieben Sitze und bei den Wahlen von 2000 zehn Sitze, wie Abbildung 3 zeigt.
Der Block und die Amal-Bewegung bildeten gemeinsam die „Koalition des 8. März“ und dominieren dieses Bündnis. Bei den Wahlen von 2005 gewann die Koalition 27,3 Prozent der Parlamentssitze, darunter alle 23 Mandate im Südlibanon. Die Hisbollah und Amal errangen jeweils 14 Sitze. Beide Parteien waren seit November 2005 an Regierungen der nationalen Einheit beteiligt. Die Hisbollah stellte in diesen Regierungen zwei Minister und unterstützte einen dritten, während Amal drei Ministerposten innehatte.
Bei den Wahlen von 2009 gewann die Hisbollah, wie Abbildung 3 zeigt, zwölf Sitze, während Amal 13 Mandate errang. Bei den Wahlen von 2018 gewann die Hisbollah 13 Sitze und Amal 16. Der Block wird derzeit von dem Hisbollah-Mitglied und prominenten schiitischen Politiker Mohammad Raad geführt.

Abbildung 3: Sitze der Hisbollah im libanesischen Parlament (Quelle: Wikipedia)
Die libanesischen Regierungen, an denen die Hisbollah seit November 2005 durch Mitglieder im Kabinett beteiligt war, werden im Folgenden dargestellt:
Siniora-Regierung von 2005
Fouad Siniora bildete im Juli 2005 eine Regierung der nationalen Einheit, der alle wichtigen politischen Blöcke im libanesischen Parlament angehörten, mit Ausnahme des von General Michel Aoun geführten Bündnisses um die Freie Patriotische Bewegung (FPM). Zum ersten Mal war die Hisbollah im Kabinett vertreten und besetzte zwei der insgesamt 30 Ministerposten. Obwohl die Hisbollah der Regierung von 2005 Berichten zufolge im Gegenzug für Zusicherungen hinsichtlich ihres militärischen Apparats beitrat, lehnte sie die hegemonialen Bestrebungen der Koalition des 14. März weiterhin entschieden ab. [11]
Auf der anderen Seite verbündeten sich die FPM und die Hisbollah, um dem Versuch der Koalition des 14. März entgegenzutreten, eine hegemoniale Stellung zu erlangen. Im Februar 2006 unterzeichneten Michel Aoun und Hassan Nasrallah nach mehrwöchigen Verhandlungen auf Ausschussebene eine Absichtserklärung. Darin wurde eine breite Palette von Reformen gefordert, die von der Gewährleistung eines gleichberechtigten Zugangs der Kandidaten zu den Medien bis hin zur Einführung des Wahlrechts für im Ausland lebende Libanesen reichten. Ziel war es, die unausgewogenen politischen Rahmenbedingungen zu korrigieren, auf denen die Machtstellung der Hariri-Dschumblatt-Koalition beruhte.
Die Vereinbarung zwischen der FPM und der Hisbollah stieß innerhalb der schiitischen Gemeinschaft auf nahezu einhellige Zustimmung. Einer Umfrage des Beirut Center for Research and Information zufolge fand sie auch bei 77 Prozent der christlichen Bevölkerung Zustimmung. Das Memorandum forderte zudem eine Reform des Wahlrechts, einschließlich der Einführung eines Verhältniswahlsystems.
Die fünf schiitischen Mitglieder des Kabinetts traten am 11. November 2006 zurück, nachdem Siniora dem Entwurf der Vereinten Nationen zur Einrichtung des Sondertribunals für den Libanon zugestimmt hatte. Dieses sollte die Ermordung Rafik Hariris untersuchen, der am 14. Februar 2005 getötet worden war. Das Sondertribunal kam gemeinsam mit einer unabhängigen Untersuchung unter der Leitung des libanesischen Brigadegenerals Wissam al-Hassan zu dem Ergebnis, dass überzeugende Beweise für eine Verantwortung der Hisbollah für das Attentat vorlagen. [12]
Siniora-Regierung von 2008
In der Regierung von 2008, die erneut von Siniora geführt wurde und ebenfalls eine Regierung der nationalen Einheit war, stellten die Hisbollah und die Amal-Bewegung jeweils zwei Minister im 30 Mitglieder umfassenden Kabinett. Muhammad Fneish war der Minister der Hisbollah, während Fawzi Salloukh der Organisation eng verbunden war.
Mikati-Regierung von 2011
In der Regierung von 2011 unter der Führung von Najib Mikati, einer Regierung der nationalen Einheit, stellten die Hisbollah und die Amal-Bewegung erneut jeweils zwei Minister im 30-köpfigen Kabinett. Die Minister der Hisbollah waren Hussein Hajj Hassan und Muhammad Fneish.
Salam-Regierung von 2013
In der im April 2013 gebildeten Regierung unter der Führung von Tammam Salam, einer Regierung der nationalen Einheit, stellten die Hisbollah und die Amal-Bewegung wiederum jeweils zwei Minister im 24 Mitglieder umfassenden Kabinett. Die Minister der Hisbollah waren Hussein Hajj Hassan und Muhammad Fneish.
Hariri-Regierung von 2016
In der im Dezember 2016 gebildeten Regierung unter der Führung von Saad Hariri, einer Regierung der nationalen Einheit, stellte die Hisbollah zwei Minister im 30-köpfigen Kabinett, während die Amal-Bewegung über drei Ministerposten verfügte. Die Minister der Hisbollah waren Hussein Hajj Hassan und Muhammad Fneish.
Hariri-Regierung von 2019
In der im Januar 2019 gebildeten Regierung, die erneut von Hariri geführt wurde und ebenfalls eine Regierung der nationalen Einheit war, stellte die Hisbollah zwei Minister im 30 Mitglieder umfassenden Kabinett, während die Amal-Bewegung drei Ministerposten innehatte. Die Minister der Hisbollah waren Muhammad Fneish und Mahmoud Kmati. Nach landesweiten Massenprotesten war die Regierung am 29. Oktober 2019 zum Rücktritt gezwungen worden.
Diab-Regierung von 2020
In der im Januar 2020 gebildeten Regierung unter der Führung von Hassan Diab, einer Regierung der nationalen Einheit, stellten die Amal-Bewegung und die Hisbollah jeweils zwei Minister im 20-köpfigen Kabinett. Hamad Hasan und Imad Hoballah waren die Minister der Hisbollah. Am 10. August 2020 trat die Regierung infolge der öffentlichen Empörung über die Explosionen zurück, die sich sechs Tage zuvor in Beirut ereignet hatten.
Mikati-Regierung von 2021
In der im September 2021 gebildeten Regierung unter der Führung von Najib Mikati, einer Regierung der nationalen Einheit, stellte die Amal-Bewegung drei Minister und die Hisbollah zwei Minister im 24 Mitglieder umfassenden Kabinett. Ali Hamiyeh und Mustafa Bairam waren die Minister der Hisbollah.
Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass die Hisbollah im Libanon beträchtliche politische Macht und erheblichen Einfluss ausgeübt hat. Dies beruht zum einen auf ihrer Rolle als zentrales Mitglied der „Koalition des 8. März“, einer der beiden wichtigsten politischen Kräfte des Landes, und zum anderen auf ihrer Beteiligung an den libanesischen Regierungskabinetten seit der Siniora-Regierung von 2005.
3. Die starke militärische Macht der Hisbollah
Die Hisbollah erlangte ihre beträchtliche militärische Stärke vor allem durch jahrzehntelange umfassende finanzielle und technische Unterstützung aus dem Iran, weitreichende grenzüberschreitende Schmuggelnetzwerke sowie ihren besonderen Status als bewaffnete Organisation, die tief im libanesischen Staat verankert ist. Häufig wird die Hisbollah hinsichtlich ihrer militärischen Fähigkeiten als den libanesischen Streitkräften ebenbürtig oder sogar überlegen beschrieben. Als Gründe dafür werden ihre größere Disziplin, ihre umfangreichere Kampferfahrung und ihre bessere Bewaffnung angeführt. [13]
Die wichtigsten Grundlagen ihrer militärischen Stärke sind folgende:
Der erste Faktor, der zur beträchtlichen militärischen Macht der Hisbollah beiträgt, ist die Unterstützung durch den Iran. Die Islamische Revolutionsgarde des Irans (IRGC) stellt der Organisation Schätzungen zufolge jährlich rund 700 Millionen US-Dollar in Form von finanziellen Mitteln, Waffen und professioneller Ausbildung zur Verfügung. Wie Abbildung 4 zeigt, ermöglicht diese iranische Unterstützung der Hisbollah, ein umfangreiches Arsenal aus Zehntausenden Raketen, modernen Drohnen und präzisionsgelenkten Flugkörpern zu unterhalten.
Nach Angaben des israelischen Alma Research and Education Center verfügte die Hisbollah im Oktober 2023, wie Abbildung 4 zeigt, über 65.000 Raketen mit einer Reichweite von bis zu 80 Kilometern, 5.000 Raketen und Flugkörper mit einer Reichweite zwischen 80 und höchstens 200 Kilometern, 5.000 Flugkörper mit Reichweiten zwischen 200 und 700 Kilometern, 2.500 unbemannte Drohnen sowie 150.000 verschiedene Artilleriewaffen, darunter Mörser.

Abbildung 4: Waffenarsenal der Hisbollah mit Stand vom 6. Oktober 2023 (Quelle: Alma Research and Education Center)
Der zweite Faktor, der zur beträchtlichen militärischen Stärke der Hisbollah beiträgt, sind ihre Versorgungswege und unterirdischen Tunnelnetzwerke. Waffen und moderne Militärtechnologie für die Hisbollah wurden regelmäßig aus dem Iran über den Irak und Syrien in den Libanon geschmuggelt. Die Hisbollah nutzte diese Ressourcen, um ein ausgeklügeltes Netz unterirdischer Bunker und Tunnel zu entwickeln und zu errichten, mit dem sie ihre militärische Infrastruktur verbergen und schützen konnte.
Wie Abbildung 5 zeigt, erhielt die Hisbollah vor dem Zusammenbruch des Assad-Regimes in Syrien im Dezember 2024 Waffen aus dem Iran über verschiedene Schmuggelrouten. Dazu gehörten Landtransporte aus dem Iran durch den Irak nach Syrien und weiter in den Libanon sowie der Schmuggel auf dem Luftweg über syrische Flughäfen. Das derzeitige, sunnitisch ausgerichtete Al-Scharaa-Regime, das nach dem Sturz des Assad-Regimes die Macht übernahm, zeigte jedoch deutlich die Absicht, Investitionen der Golfstaaten und des Westens für den Wiederaufbau des Landes zu gewinnen. Infolgedessen wandelte sich Syrien von einem für schiitische Kräfte wie die Hisbollah günstigen Umfeld zu einem feindlich gesinnten Gebiet.

Abbildung 5: Iranischer Landkorridor (Quelle: Israel Alma Research & Education Center)
Die traditionelle iranische Landroute, die gemeinhin als „Landbrücke“ bezeichnet wird und über die der Iran Waffen, Geldmittel und Personal über den Irak und Syrien an die Hisbollah lieferte, erstreckte sich vor dem Zusammenbruch des Assad-Regimes im Dezember 2024 über mehr als 1.500 Kilometer – von der iranischen Grenze bis zur Mittelmeerküste und zum Südlibanon. Sie verlief durch den Irak über den Grenzübergang Al-Qaim und weiter durch Zentralsyrien. Der wichtigste Korridor für den Waffenschmuggel war der Al-Qusayr-Korridor, der Homs in Syrien mit der Bekaa-Ebene im Libanon verband. Zu diesem Korridor gehörten strategische Schmuggelnetzwerke und Tunnel, darunter ein drei Kilometer langer großer unterirdischer Tunnel, der von der Hisbollah-Einheit 4.400 betrieben wurde. [14]
Die syrische Regierung unter Al-Sharaa, die nach dem Zusammenbruch des Assad-Regimes an die Macht kam, arbeitete jedoch aktiv daran mit, bestehende Waffenschmuggelkorridore wie den Al-Qusayr-Korridor zu schließen, und schränkte den Transport illegaler Waffen über die syrische Grenze massiv ein. Auch die neue libanesische Regierung unter Aoun untersagte den iranischen Flugzeugen die Landung auf dem internationalen Flughafen Hariri in Beirut. Infolgedessen waren der Iran und seine Stellvertreterkräfte, darunter die Hisbollah, gezwungen, ihre Waffenversorgungsrouten neu zu bewerten.

Abbildung 6: Neuer iranischer Korridor – eine neue Waffenschmuggelroute in Richtung Hisbollah (Quelle: Israel Alma Research and Education Center)
Gegenwärtig bemüht sich der Iran weiterhin darum, neue, verdeckte Alternativrouten zur Unterstützung seiner regionalen bewaffneten Verbündeten zu erschließen. Wie Abbildung 6 zeigt, hat die Hisbollah versucht, neben Versuchen des Landschmuggels über Syrien alternative Versorgungswege aufzubauen, vermutlich in erster Linie auf dem Seeweg.
Zu den neuen Alternativrouten, die der Iran nutzt, gehören der Seetransport an die syrische Küste, Landtransporte über die Türkei oder Jordanien sowie der Weitertransport per Lastwagen in den Libanon, nachdem die Güter zuvor auf dem Luftweg nach Syrien gebracht worden sind. Michael Knights vom Washington Institute zufolge stechen nach dem Zusammenbruch des Assad-Regimes unter den potenziellen alternativen Versorgungswegen insbesondere die folgenden vier Routen hervor: [15]
a. Fortsetzung des Transports per Lastwagen auf dem Landweg durch den Irak und Zentralsyrien in den Libanon.
b. Weitere Landrouten: Strecken durch den Irak, Jordanien und Südsyrien oder durch den Irak, die Türkei und Nordsyrien.
c. Seetransport an die syrische Mittelmeerküste mit anschließendem Weitertransport per Lastwagen in den Libanon.
d. Lufttransport nach Syrien mit anschließendem Weitertransport per Lastwagen in den Libanon.
Israel erklärte, die Hisbollah beschleunige die lokale Waffenproduktion im Libanon, da ihre Möglichkeiten zum Waffenschmuggel erheblich geschwächt worden seien, während sie gleichzeitig versuche, neue Schmuggelrouten aufzubauen.
Das israelische Alma Research and Education Center vertritt die Auffassung, dass die Hinwendung der Hisbollah zu einer eigenständigen Waffenproduktion im Libanon ohne parallele Veränderungen in der iranischen Strategie zur Unterstützung verbündeter militanter Stellvertreterorganisationen nicht möglich gewesen wäre.
Nach Angaben des Alma Research and Education Center war der Zeitraum zwischen 2013 und 2015 durch den direkten Transfer von Waffensystemen über Syrien an die Hisbollah im Libanon geprägt. Die meisten dieser Schmuggelversuche wurden vereitelt. Im Jahr 2016 begannen der Iran und die Hisbollah mit einem Projekt, bereits im libanesischen Arsenal der Hisbollah vorhandene Raketen in Präzisionsflugkörper umzurüsten. Im Rahmen dieses Vorhabens produzierte der Iran auf dem SERS-Komplex im Nordwesten Syriens ungelenkte Raketen und schmuggelte separat Präzisionskomponenten in den Libanon. Dort rüsteten iranische technische Teams diese Raketen in Einrichtungen in Beirut und anderen Regionen zu Präzisionswaffen um.
Anschließend leiteten der Iran und die Hisbollah ab 2019 einen ehrgeizigen Plan zur Herstellung von Präzisionsflugkörpern und zum Aufbau entsprechender Umrüstungsanlagen auf libanesischem Staatsgebiet ein. Bereits im September 2019 entdeckten die Israelischen Verteidigungsstreitkräfte (IDF) in der Stadt Nabi Chit in der Bekaa-Region eine Anlage der Hisbollah zur Herstellung von Präzisionsflugkörpern. [16]
Der dritte wesentliche Faktor, der zur beträchtlichen militärischen Stärke der Hisbollah beiträgt, ist ihre taktische Anpassungsfähigkeit. Die Organisation stützt sich auf gut ausgebildete und hochqualifizierte Kämpfer, die ihre Taktiken kontinuierlich modernisiert haben. Dadurch war die Hisbollah in der Lage, den zahlenmäßig starken regulären Streitkräften Israels mit Guerillakriegsführung, gelenkten Panzerabwehrraketen und FPV-Drohnen, die aus der Ich-Perspektive gesteuert werden, entgegenzutreten. Darüber hinaus hat die Hisbollah durch ihre Beteiligung am syrischen Bürgerkrieg seit 2012 umfangreiche Erfahrungen in der modernen Kriegsführung gesammelt.
4. Die Hisbollah als Anbieter umfassender Sozialleistungen und Wiederaufbauprojekte
Die große Stärke und der weitreichende Einfluss der Hisbollah im Libanon beruhen wesentlich auf ihrem leistungsfähigen System sozialer Fürsorge. Die Hisbollah unterhält innerhalb der schiitischen Gemeinschaft des Libanon ein umfangreiches soziales Versorgungsnetz. Dieses umfasst die Bereiche Gesundheitsversorgung, Bildung, Finanzdienstleistungen, Wohlfahrt und Kommunikation. Die entsprechenden Strukturen unterstützen nicht nur die militärische Infrastruktur der Hisbollah, sondern dienen zugleich dazu, ihre Ideologie zu verbreiten und ihre Stellung sowohl innerhalb der schiitischen Gemeinschaft als auch in der libanesischen Gesellschaft insgesamt zu festigen. Indem die Hisbollah die Schwächen der libanesischen Regierung sowie deren langjährige Gleichgültigkeit und Vernachlässigung gegenüber der schiitischen Gemeinschaft ausnutzt, stellt sie dieser in großem Umfang soziale Leistungen bereit, die üblicherweise vom Staat erbracht werden. Infolgedessen existiert die Hisbollah in bedeutenden Teilen des Libanon mit einem hohen schiitischen Bevölkerungsanteil als ein „Staat im Staate“, wodurch sie ihre militärische Infrastruktur inmitten der Bevölkerung verbergen und einsetzen kann.
Zu den wichtigsten von der Hisbollah gegründeten sozialen und wohltätigen Organisationen gehören das Islamische Wohltätigkeitskomitee Emdad, das Zentrale Medienbüro der Hisbollah, die Al-Jarha-Vereinigung und die Jihad-al-Binaa-Entwicklungsvereinigung. Die Wiederaufbaukampagne Jihad al-Binaa ist für zahlreiche Projekte zur Entwicklung der wirtschaftlichen und sozialen Infrastruktur im Libanon verantwortlich. Darüber hinaus gründete die Hisbollah die Organisation zur Unterstützung von Märtyrerfamilien, die Al-Shahid-Sozialvereinigung, um den Familien gefallener Kämpfer finanzielle Unterstützung zum Lebensunterhalt sowie Bildungshilfen zu gewähren.
Zu den wichtigsten sozialen Versorgungsnetzwerken der Hisbollah gehören insbesondere die folgenden: [17]
Medizinische Versorgung: Die Islamische Gesundheitsdirektion betreibt im gesamten Libanon ein Netzwerk aus Krankenhäusern, Zahnkliniken und mobilen Kliniken, die kostenlose oder erheblich vergünstigte medizinische Leistungen anbieten.
Bildung: Die Bildungsabteilung vergibt Stipendien, betreibt Berufsschulen und stellt Schülern täglich Mahlzeiten und Transportmöglichkeiten zur Verfügung. Zudem unterhält sie zur Förderung von Kindern und Jugendlichen die Imam-al-Mahdi-Pfadfinder.
Infrastruktur und Landwirtschaft: Die Jihad-al-Bina-Entwicklungsvereinigung baut zerstörte und beschädigte Infrastruktur wieder auf, koordiniert Entwicklungsmaßnahmen in ländlichen Gebieten und betreut Umweltprojekte.
Finanzdienstleistungen: Die Al-Qard-al-Hassan-Stiftung fungiert als bankähnliches Finanzsystem, das auf der Grundlage islamischer Finanzprinzipien zinslose Mikrokredite vergibt.
Unterstützung für Gefallene und Verwundete: Spezialisierte Einrichtungen wie das Institut für Märtyrer, Al-Shahid, und die Al-Zarha-Stiftung übernehmen die Lebenshaltungs-, Wohn- und Ausbildungskosten der Familien gefallener oder verwundeter Mitglieder.
Strategische Bedeutung und Funktion: Die Sozialleistungen der Hisbollah haben für viele libanesische Bürger, insbesondere während der Krisen infolge des schweren wirtschaftlichen Zusammenbruchs, als unverzichtbarer Überlebensmechanismus gedient.
Diese weitreichende zivile Organisationsstruktur der Hisbollah erfüllt zwei Funktionen: Zum einen schafft sie eine Struktur des „Staates im Staate“, welche die umfassenden gesellschaftspolitischen und ideologischen Ziele der Hisbollah stärkt. Zum anderen erzeugt sie innerhalb der schiitischen Gemeinschaft eine tief verwurzelte Loyalität und Abhängigkeit an der gesellschaftlichen Basis, indem sie die mangelnde Leistungsfähigkeit des Staates ausgleicht.
In militärischer und politischer Hinsicht übt die Hisbollah weiterhin erheblichen Einfluss auf die Bevölkerung aus, und zwar trotz wiederholter Rückschläge, insbesondere seit der Wahl Joseph Aouns zum Staatspräsidenten im Januar 2025. Dieser Einfluss beruht nicht in erster Linie auf der beträchtlichen Bewaffnung der Hisbollah, sondern auf einem umfassenden Netzwerk sozialer Dienstleistungen, die der libanesische Staat nicht in ausreichendem Maße bereitstellt.
Solange die Hisbollah weiterhin zentrale staatliche Aufgaben übernimmt – darunter Bildung, Gesundheitsversorgung, Stromversorgung und soziale Fürsorge –, wird sie ihren Einfluss im Libanon aufrechterhalten, sich die Loyalität der Bevölkerung sichern und zugleich die Legitimität des Staates untergraben.
Genau darin liegt die zentrale Herausforderung für die neue Regierung unter Präsident Aoun. Obwohl die Regierung der Hisbollah bei der Wahl eine politische Niederlage zufügte, ist es ihr bislang nicht gelungen, die in marginalisierten Gemeinschaften verwurzelten sozialen Versorgungsnetzwerke vollständig aufzulösen. Diese Gemeinschaften waren über lange Zeit von staatlicher Vernachlässigung betroffen, und gerade diese Netzwerke bilden die eigentliche Grundlage der Legitimität der Hisbollah.
Über Organisationen wie Jihad al-Bina, die Islamische Gesundheitsorganisation und die Imam-al-Mahdi-Pfadfinder stellte die Hisbollah soziale Infrastruktur sowie Bildungs- und Gesundheitsleistungen bereit. Gleichzeitig führte sie paramilitärische Schulungen durch und band junge Menschen in ihr kulturelles und ideologisches System ein.
Einem Bericht von The National Interest zufolge hatte die Wahl Aouns zum Staatspräsidenten zwar eine hohe symbolische Bedeutung, doch bestätigten die im Mai 2025 abgehaltenen Kommunalwahlen erneut die solide gesellschaftliche Basis der Hisbollah. Das Bündnis aus Hisbollah und Amal übernahm in 109 der insgesamt 272 Gemeinden die Kontrolle und erzielte dabei in seinen wichtigsten Hochburgen im Südlibanon und in den südlichen Vororten Beiruts umfassende Wahlerfolge, unter anderem in Nabatieh und der Südprovinz. [18]
Die Hisbollah selbst bezeichnete ihre überwältigenden Siege bei den Kommunal- und Bürgermeisterwahlen in Beirut, Baalbek-Hermel und im Südlibanon voller Stolz geradezu als einen „Tsunami“. Diese starke Vormachtstellung der Hisbollah konnte sich auf dem fruchtbaren Boden staatlicher Korruption und chronischen institutionellen Versagens entwickeln. Die mit erheblichen finanziellen Schwierigkeiten kämpfende libanesische Regierung ist nicht mehr in der Lage, die Gehälter der Beschäftigten im öffentlichen Dienst zuverlässig auszuzahlen oder Krankenhäuser und Schulen angemessen zu unterhalten. Zudem ist sie in hohem Maße auf externe Hilfen der Golfstaaten und der Weltbank angewiesen.
Die Hisbollah nutzt dieses Vakuum staatlicher Handlungsfähigkeit gezielt aus, indem sie die Bereitstellung öffentlicher Dienstleistungen aktiv als politisches und gesellschaftliches Instrument einsetzt.
IV. Schlussfolgerung
Die vorliegende Arbeit verfolgte das Ziel, die folgenden beiden Fragen zu beantworten: Erstens, wie entstand die vom Iran unterstützte Hisbollah im Libanon? Zweitens, wie gelang es der Hisbollah, innerhalb des Libanon eine derart starke politische und militärische Macht aufzubauen, dass sie ohne Einschränkung durch die legitime libanesische Regierung und die regulären Streitkräfte eigenständig militärische Angriffe gegen ausländische Akteure wie Israel durchführen kann?
Im Hinblick auf die erste Frage vertrat diese Arbeit die These, dass die Hisbollah aus der schiitischen Bevölkerungsgruppe der libanesischen Gesellschaft hervorging und dass die folgenden vier Krisenbedingungen ihre Entstehung maßgeblich begünstigten: erstens eine Identitätskrise und Marginalisierung, zweitens ein strukturelles Ungleichgewicht, drittens die militärische Niederlage des Libanon gegen die israelische Armee und viertens der Demonstrationseffekt des Erfolgs der Islamischen Revolution im Iran im Jahr 1979.
Bezüglich der zweiten Frage kam die Arbeit zu dem Ergebnis, dass die große Stärke und der weitreichende Einfluss der Hisbollah im Libanon auf einer Kombination aus ihrer beträchtlichen militärischen Macht, einer tief in der schiitischen Bevölkerung verwurzelten politischen Basis, einem umfassenden, von der Hisbollah bereitgestellten sozialen Wohlfahrtsnetz sowie strategischen politischen Bündnissen beruhen, die es ihr ermöglichen, den gespaltenen libanesischen Staat zu ihren Gunsten zu beeinflussen. Von besonderer Bedeutung ist dabei, dass die Schiiten seit Langem die größte Konfessionsgemeinschaft des Libanon bilden.
Die Arbeit argumentierte, dass die Hisbollah im Libanon beträchtliche politische Macht und erheblichen Einfluss ausüben konnte, da sie ein zentrales Mitglied der „Koalition des 8. März“ ist, einer der beiden wichtigsten Kräfte in der libanesischen Politik, und seit der Siniora-Regierung von 2005 durch Minister im libanesischen Kabinett vertreten ist.
Darüber hinaus wurde dargelegt, dass die Hisbollah ihre beträchtliche militärische Stärke vor allem durch jahrzehntelange umfassende finanzielle und technische Unterstützung aus dem Iran, weitreichende grenzüberschreitende Schmuggelnetzwerke sowie ihren besonderen Status als bewaffnete Organisation erlangte, die tief im libanesischen Staat verankert ist. Hinsichtlich ihrer militärischen Fähigkeiten wird die Hisbollah häufig als den libanesischen Streitkräften ebenbürtig oder sogar überlegen beschrieben. Als Gründe dafür werden ihre größere Disziplin, ihre umfangreichere Kampferfahrung und ihre bessere Bewaffnung angeführt.
Schließlich vertrat die Arbeit die Auffassung, dass die große Stärke und der weitreichende Einfluss der Hisbollah im Libanon wesentlich auf ihrem leistungsfähigen System sozialer Fürsorge beruhen. Die Hisbollah unterhält innerhalb der schiitischen Gemeinschaft des Libanon ein umfangreiches soziales Versorgungsnetz, das die Bereiche Gesundheitsversorgung, Bildung, Finanzdienstleistungen, Wohlfahrt und Kommunikation umfasst. Diese Netzwerke unterstützen nicht nur die militärische Infrastruktur der Hisbollah, sondern werden zugleich als Mittel eingesetzt, um ihre Ideologie zu verbreiten und ihre Stellung sowohl innerhalb der schiitischen Gemeinschaft als auch in der libanesischen Gesellschaft insgesamt zu festigen.
