Für viele Kubaner gehören Stromausfälle mittlerweile zum Alltag – manchmal dauern sie nur wenige Stunden, manchmal den größten Teil des Tages. Ampeln fallen aus, der Verkehr kommt ins Stocken, und Treibstoffknappheit stört alles, von der Tourismusbranche bis hin zur Müllabfuhr.
Nach der Gefangennahme Madurós in Venezuela verschieben sich die politischen Winde über die Karibik, und Kuba, das jahrzehntelang dem Druck Washingtons widerstehen konnte, könnte einen der unsichersten und schwierigsten Momente seiner modernen Geschichte erleben. Die kubanische Krise wirkt dieses Mal schlimmer, weil sie nicht mehr nur eine Geschichte langfristiger wirtschaftlicher Schwäche ist. Sie ist nun auch eine Geschichte gezielten geopolitischen Drucks.
In den vergangenen Monaten hat Präsident Donald Trump wiederholt und öffentlich angedeutet, dass Kubas Regierung kurz vor dem Zusammenbruch stehe, und sogar die Idee einer „freundlichen Übernahme“ ins Spiel gebracht. Laut Berichten von Al Jazeera sagte Trump, Kuba sei wirtschaftlich und energiepolitisch „am Ende“, und warnte, dass Kuba entweder ein Abkommen mit den Vereinigten Staaten schließen müsse oder weiterem Druck ausgesetzt sei. Gelegentlich verschärfte sich diese Rhetorik noch, als Trump behauptete, er erwarte die „Ehre“, Kuba auf irgendeine Weise zu übernehmen, und später sogar erklärte, „Kuba ist als nächstes dran“. Diese Sprache hat die Spannungen zwischen Havanna und Washington neu entfacht und Besorgnis in der gesamten Region ausgelöst.
Dieser Tonwechsel ist bedeutsam, weil er zum breiteren US-Fokus auf die westlichen Hemisphäre passt, wie er in der US-National Security Strategy 2025 reflektiert wird. Kuba wird damit als Teil eines weiteren Musters von Druckpolitik in der Trump-Ära betrachtet, anstatt als eingefrorenes Relikt des Kalten Krieges.
Gleichzeitig, trotz des zunehmenden US-Drucks, durfte der, unter russischer Flagge segelnde Tanker Anatoly Kolodkin am 31. März in Matanzas anlegen und 730.000 Barrel Öl abliefern. Zwar handelt es sich dabei nur um eine vorübergehende Entlastung – die Lieferung könnte den Energiebedarf für etwa 9 bis 10 Tage decken und ändert nicht die Logik des Drucks –, doch sie verdeutlichte die Uneinheitlichkeit der Druckkampagne Washingtons.
Die Berichterstattung der BBC und die Analyse von Will Grant beschrieben den gegenwärtigen Moment weniger als routinemäßigen Sanktionsstreit und mehr als Test, ob Kubas wirtschaftliche Fragilität in politischen Einfluss umgewandelt werden kann. Folglich hat Washington angesichts der sich entwickelnden kubanischen Krise nun eine potenzielle Gelegenheit gesehen, die Insel gezielt unter US-Einfluss zu öffnen.
Eine Insel, die auf Reserve läuft
Kubas derzeitige Misere ist nicht über Nacht entstanden. Die Wirtschaft der Insel leidet seit Jahrzehnten unter einem US-Handelsembargo aus den frühen 1960er-Jahren, das den Zugang zu den internationalen Finanz-, Investitions- und Energiemärkten stark einschränkt. Einige Wissenschaftler, wie der mexikanische Historiker Enrique Krauze, wiesen jedoch in einem kürzlichen Interview mit Latinus darauf hin, dass Kuba vor 1959 eines der am weitesten entwickelten Länder Lateinamerikas war. Hinzu komme die sogenannte „interne Blockade“ – die Weigerung der Regierung, Bürgern die Gründung von Unternehmen, den Besitz von Eigentum oder freie Meinungsäußerung zu erlauben – als weitere echte Ursache der aktuellen Situation auf der Insel.
Unabhängig von der Ursache gibt es diese Krise und sie verschärft sich von Tag zu Tag. Wie bereits erwähnt, steht nun die Energiekrise im Zentrum. Kuba ist stark auf importiertes Öl angewiesen, um Stromnetze, das Transportwesen und die Landwirtschaft zu versorgen. Verzögern sich oder stoppen die Lieferungen, gerät die gesamte Wirtschaft ins Stolpern.
Berichten zufolge hat der US-Druck auf Öl-Lieferungen nach Kuba in den letzten Monaten zugenommen (Abbildung 1), einschließlich der Maßnahme, Zölle gegen Länder anzudrohen, die Treibstoff an die Insel liefern. Der Wegfall venezolanischer Öl-Lieferungen – 2025 stammten 61 % des Imports aus Venezuela, gefolgt von Mexiko (25 %), Russland (10 %) und Algerien (4 %) – verschärfte das Problem zusätzlich.
Jahrelang lieferte Caracas zehntausende Barrel Öl pro Tag nach Havanna im Austausch gegen kubanische medizinische und Sicherheitsunterstützung. Doch der geopolitische Umbruch in Venezuela (Gefangennahme Madurós durch US-Streitkräfte), gefolgt von neuen US-Maßnahmen und Drohungen gegenüber Öllieferanten (Mexiko pausierte die Lieferungen am 9. Februar), hat die Lage auf Kuba weiter verschärft.
Die Konsequenzen waren unmittelbar: Landesweite Stromausfälle, der Verkehr stockt, und Branchen wie der Tourismus, ohnehin geschwächt durch die Pandemie, stehen unter starkem Druck. Zudem hat sich das Wirtschaftswachstum Kubas seit der Pandemie 2020 nicht erholt (Abbildung 2).
Außerhalb Kubas haben internationale Organisationen wie Handicap International gewarnt, dass diese Knappheit die Lebensmittelproduktion und essenzielle Dienstleistungen bedroht und eine humanitäre Notlage entstehen könnte, falls die Treibstoffversorgung nicht wiederhergestellt wird. Gleichzeitig erleben gewöhnliche Kubaner die Krise täglich: längere Warteschlangen für Lebensmittel, steigende Preise, Müllberge an Straßenecken und zunehmende Unsicherheit über die Zukunft.

Abbildung 1: Kubas Rohölimporte. Quelle: S&P Global Commodities at Sea

Abbildung 2: Kubas BIP. Quelle: AS/COA
Zunehmender Druck aus Washington
Wie in der Nationalen Sicherheitsstrategie 2025 (NSS) dargelegt, sieht das Weiße Haus seine Kuba-Politik als Teil seiner umfassenderen Bemühungen, politischen Wandel auf der Insel zu fördern und den Einfluss der USA in der westlichen Hemisphäre wiederherzustellen. Präsident Trump hat wiederholt angedeutet, dass die kommunistische Regierung Kubas kurz vor dem Zusammenbruch stehe, und dabei zeitweise eine „freundliche Übernahme“ oder die Aussage, „Kuba ist als Nächstes dran“ ins Spiel gebracht, was internationale Besorgnis ausgelöst hat. Parallel dazu sollen US-Beamte rechtliche Schritte gegen kubanische Regierungsvertreter geprüft und Ermittlungen zu angeblich staatlich unterstützten Straftaten ausgeweitet haben, wodurch der breiteren Sanktions- und Druckkampagne eine rechtliche Dimension hinzugefügt wird.
Bei öffentlichen Auftritten und Interviews deutete Trump außerdem an, dass Kuba einem von den USA vermittelten Übergang zustimmen könnte, wobei er darauf hinwies, dass Außenminister Marco Rubio – selbst Sohn kubanischer Einwanderer – an hochrangigen Gesprächen über die Zukunft der Insel beteiligt sei. Zusammengenommen spiegeln diese Maßnahmen einen vielschichtigen Ansatz der USA wider, der intensive Rhetorik, Sanktionen, diplomatische Isolation und Bemühungen zur Einschränkung der Energieversorgung kombiniert, alles mit dem Ziel, maximalen Druck auf Havanna auszuüben.
Befürworter der Strategie Washingtons argumentieren, dass die kubanische Regierung ihre Macht durch Unterdrückung, externe Unterstützung und wirtschaftliches Missmanagement aufrechterhalte und dass äußerer Druck schließlich den Weg für politische Reformen oder einen Regierungswechsel in Kuba öffnen könnte. Kritiker hingegen warnen, dass eine Verschärfung der Sanktionen angesichts eines wirtschaftlichen Zusammenbruchs die humanitäre Lage verschlimmern könnte, ohne signifikanten politischen Wandel zu gewährleisten.
Havannas trotzige Reaktion
Die kubanische Regierung weist die Vorstellung zurück, sie stünde kurz davor, den Forderungen der USA nachzugeben. Präsident Miguel Díaz-Canel und andere Beamte beschuldigen Washington, absichtlich zu versuchen, die kubanische Wirtschaft durch Blockaden von Öllieferungen und verschärfte Sanktionen „zu strangulieren“.
In öffentlichen Stellungnahmen betonen kubanische Führungskräfte, dass sie zwar zu Dialogen bereit seien, Verhandlungen jedoch die Souveränität und Unabhängigkeit des Landes respektieren müssten. Sie warnen zudem, dass Versuche zur Nötigung auf Widerstand stoßen würden.
Historisch gesehen spiegelt diese Rhetorik ein Muster wider, das die Beziehungen zwischen den USA und Kuba seit Jahrzehnten prägt. Seit der Revolution Fidel Castros 1959 sah sich die Insel zahlreichen Versuchen wirtschaftlicher Isolation und politischen Drucks durch Washington ausgesetzt. Das Embargo, ursprünglich entworfen, um die revolutionäre Regierung zu schwächen, wurde stattdessen zu einem prägenden Element der kubanischen Politik und einem wiederkehrenden Instrument zur Mobilisierung innerstaatlicher Unterstützung. Die aktuelle Krise trägt daher Echo der Vergangenheit, weist jedoch einen entscheidenden Unterschied auf: Kuba sieht sich nun Druck ausgesetzt, während es weniger externe Unterstützung hat als noch vor einigen Jahren.
Ein geopolitischer Moment
Anders als während des Kalten Krieges kann Kuba heute nicht auf eine Supermacht wie die Sowjetunion zur Stabilisierung seiner Wirtschaft zählen. Russland und China unterhalten zwar diplomatische und wirtschaftliche Beziehungen zu Havanna, ihre Unterstützung ist jedoch begrenzt, selektiv und transaktional. Die Ankunft des russischen Tankers Ende März zeigt, dass Moskau noch Unterstützung leisten kann, doch diese temporäre Entlastung steht in keinem Vergleich zu den umfassenden Hilfen und massiven Subventionen, die Moskau während des Kalten Krieges bereitgestellt hat.
Auch das breitere geopolitische Umfeld spielt eine Rolle. Selbst bei der Bewältigung anderer Krisen scheint Washington bereit zu sein, erneut Aufmerksamkeit darauf zu richten, politische Ausrichtungen in der westlichen Hemisphäre zu gestalten – kurz gesagt, die Präsenz Russlands und Chinas in der Region einzuschränken und Kuba in Einklang mit den strategischen Prioritäten der USA zu bringen.
In diesem Kontext haben die Ereignisse in Venezuela und die breitere Energiegeopolitik die US-Politik gegenüber der Insel direkt beeinflusst. Einfach ausgedrückt: Schrumpfende Ölströme erhöhten Kubas Verwundbarkeit und damit Washingtons Einfluss.
Die menschliche Dimension
Geopolitische Berechnungen erzählen nur einen Teil der Geschichte. Die unmittelbarsten Folgen der Krise spürt die kubanische Bevölkerung. Im ganzen Land müssen Familien mit täglichen Beeinträchtigungen umgehen. Stromausfälle wirken sich auf die Kühlung, das Kochen und die Kommunikation aus. Dieselknappheit kann den öffentlichen Nahverkehr lahmlegen, was es Arbeitnehmern erschwert, zu ihren Arbeitsplätzen zu gelangen, oder Landwirten, ihre Produkte auf den Markt zu bringen. Krankenhäuser und Schulen müssen sich auf unregelmäßige Stromversorgung einstellen. Auch die Wasserversorgung und die Müllabfuhr sind betroffen.
Diese Härten haben Frustration ausgelöst, insbesondere bei jüngeren Kubanern, die mit begrenzten wirtschaftlichen Möglichkeiten und zunehmendem Druck zum Auswandern konfrontiert sind. In den letzten Jahren kam es sogar periodisch zu Protesten auf der Insel – ein ungewöhnliches Ereignis in einem Land, in dem öffentliche Demonstrationen gegen die Regierung selten sind.
Gleichzeitig bleiben viele andere Kubaner gegenüber externem Druck aus Washington vorsichtig. Die lange Geschichte US-amerikanischer Interventionen in kubanischen Angelegenheiten – von militärischen Besetzungen Anfang des 20. Jahrhunderts bis zur gescheiterten Invasion in der Schweinebucht – prägt weiterhin die öffentliche Wahrnehmung.
Für einige wirft die aktuelle Krise schwierige Fragen auf: Können wirtschaftliche Reformen innerhalb des bestehenden Systems Entlastung bringen? Würden engere Beziehungen zu den USA Wohlstand bringen oder lediglich neue Abhängigkeiten erzeugen?
Die Debatte über Sanktionen
Außerhalb Kubas sind Wissenschaftler und politische Analysten über die Wirksamkeit der US-Strategie geteilter Meinung. Einige argumentieren, dass wirtschaftlicher Druck historisch gesehen seine Ziele nicht erreicht habe. Trotz mehr als sechs Jahrzehnten Sanktionen hat Kubas politisches System überlebt, sich an neue wirtschaftliche Realitäten angepasst und die zentrale Kontrolle beibehalten. Kritiker des Embargos betonen außerdem, dass Sanktionen oft eher gewöhnliche Bürger als politische Eliten treffen und sogar nationalistische Ressentiments gegen die USA stärken können.
Eine andere Gruppe argumentiert hingegen, dass die aktuelle Krise grundsätzlich anders sei als frühere Perioden. Die heutige kubanische Wirtschaftskrise steht mehreren gleichzeitigen Schocks gegenüber: hoher Wechselkurs (siehe Abbildung 3), sinkende Einnahmen aus dem Tourismus (siehe Abbildung 4), reduzierte ausländische Investitionen, demografischer Rückgang durch Auswanderung (siehe Abbildung 5) und der Zusammenbruch zuverlässiger Ölversorgung (bereits in Abbildung 1 gezeigt). Unter diesen Bedingungen spielt anhaltender externer Druck ebenfalls eine Rolle und dürfte größere Auswirkungen haben als in der Vergangenheit.
Selbst diejenigen, die strengere Maßnahmen unterstützen, erkennen jedoch an, dass ein plötzlicher Zusammenbruch des Regimes Instabilität in der gesamten Karibik verursachen könnte – da eine humanitäre Notlage oder eine Massenmigrationskrise weitreichende Folgen über Kubas Grenzen hinaus hätte.

Abbildung 3: Informeller Wechselkurs Kubanischer Peso zu US-Dollar. Quelle: AS/COA

Abbildung 4: Internationale Besucher in Kuba. Quelle: AS/COA

Abbildung 5: Einwohnerzahl Kubas. Quelle: AS/COA
Verhandlung oder Konfrontation?
Ob dieser Moment zu Verhandlungen führen wird, bleibt unklar. Einerseits scheint Washington eine Doppelstrategie zu verfolgen: schwere wirtschaftliche Druckmaßnahmen aufrechtzuerhalten, zugleich aber die Tür für mögliche Vereinbarungen offen zu lassen. Gleichzeitig betont Havanna weiterhin, dass ein Dialog „auf Augenhöhe“ stattfinden müsse. Für die kubanische Führung steht die Souveränität im Mittelpunkt: Jede Vereinbarung, die als äußere Einmischung wahrgenommen wird, könnte die Legitimität der Regierung untergraben. Letztlich bleiben die Vorstellungen und Positionen beider Seiten weit auseinander, während versucht wird, eine Lösung zu finden.
Ein Wendepunkt oder nur ein weiteres Kapitel?
Kuba könnte sich mehr als nur einem weiteren Krisenzyklus gegenübersehen. Energieknappheit, wirtschaftlicher Niedergang und zunehmender US-Druck haben eine Situation geschaffen, in der die Zukunft der Insel ungewöhnlich exponiert erscheint. Verschärfen sich die Bedingungen, könnte Havanna vor der Wahl stehen, entweder aus einer Position der Schwäche zu verhandeln oder die Kontrolle im eigenen Land zu verschärfen. Gleichzeitig könnte Washington diese Instabilität nicht nur als Druckmittel sehen, sondern als Gelegenheit, Kubas politische Ausrichtung direkter zu beeinflussen – sei es durch Druck, Verhandlungen oder den Versuch, die Insel stärker unter US-Einfluss zurückzuführen.
In Havanna läuft das tägliche Leben weiterhin improvisiert ab, während die Kubaner mit Stromausfällen und Mangel umgehen, wie sie es auch in früheren schwierigen Zeiten getan haben. Doch diese Krise fühlt sich anders an, da sie unter dem Schatten einer deutlicheren US-amerikanischen Ambition verläuft. Kuba sieht sich nicht nur einem wirtschaftlichen Zusammenbruch gegenüber; es steht auch an einem Punkt, an dem wirtschaftliche Schwäche in verstärkten äußeren Druck auf seine politische Zukunft übersetzt werden könnte.
