Die Thukydides-Falle – also die Vorstellung, dass eine aufstrebende Macht und eine verunsicherte Hegemonialmacht zwangsläufig aufeinanderprallen – ist zu einer gängigen Kurzformel geworden, um die Beziehungen zwischen China und den Vereinigten Staaten zu erklären. Selbst Xi Jinping hat sich auf dieses Konzept berufen. Doch nimmt man der Analogie aus dem antiken Griechenland ihre rhetorische Wirkung, erscheint die These eines unvermeidbaren Konflikts deutlich weniger überzeugend, als ihre Popularität vermuten lässt.
Bei seinem jüngsten Treffen mit US-Präsident Donald Trump erklärte der chinesische Präsident Xi Jinping: „Die Welt ist erneut an einem Scheideweg angelangt.“ Anschließend fragte Xi: „Können China und die USA die sogenannte ‚Thukydides-Falle‘ überwinden und ein neues Modell der Beziehungen zwischen Großmächten schaffen?“
Die Thukydides-Falle
Es mag zunächst befremdlich erscheinen, dass der Generalsekretär der Kommunistischen Partei Chinas einen klassischen griechischen Historiker zitiert, der vor 2.500 Jahren lebte. Was ist aus Konfuzius, Laotse, Menzius und Sunzi geworden?
Dennoch zeigt Xis Bezugnahme, dass sich die Thukydides-Falle zu einem weltweit verbreiteten Deutungsmuster für die gegenwärtigen Beziehungen zwischen China und den Vereinigten Staaten entwickelt hat. Xi nutzt das Konzept rhetorisch und richtet es unmittelbar an Donald Trump – in einer Sprache, die für Amerikaner verständlich ist und zugleich mit der Autorität angesehener westlicher Wissenschaft versehen wird.
Die Thukydides-Falle ist seit Langem ein populäres Motiv im amerikanischen Diskurs über die chinesisch-amerikanischen Beziehungen. Bekannt gemacht wurde sie insbesondere durch den Harvard-Professor Graham Allison, der damit auf die erhöhte Kriegsgefahr verweist, wenn eine aufstrebende Macht zu einer etablierten Hegemonialmacht aufschließt. Allison führte diese Analogie aus dem antiken Griechenland ein, um auf das Risiko eines bewaffneten Konflikts zwischen China und den Vereinigten Staaten in der heutigen Welt aufmerksam zu machen. Er stellte fest, dass von sechzehn von ihm untersuchten Machtverschiebungen innerhalb der vergangenen 500 Jahre zwölf in einem Krieg endeten.
Die Thukydides-Falle ist eine Analogie, die die Rivalität zwischen Athen und Sparta als Beispiel heranzieht, um auf eine erhöhte Kriegsgefahr hinzuweisen, wenn eine aufstrebende Macht zu einer etablierten Hegemonialmacht aufschließt. Dabei wird ein klassischer historischer Text auf die heutige Situation zwischen China und den Vereinigten Staaten übertragen.
Analytisches Denken
Analogien können verführerisch sein, doch sie können ebenso in die Irre führen und Sachverhalte verzerrt darstellen. Eine genauere Analyse dieser Analogie offenbart eine Reihe analytischer Schwächen.
Erstens beruht sie auf einer falschen kontextuellen Gleichsetzung. Thukydides wird heute vor allem für seine Aussage erinnert, der Peloponnesische Krieg sei durch den Aufstieg Athens und die dadurch in Sparta ausgelöste Furcht verursacht worden.
Doch wie geeignet ist das antike Sparta tatsächlich als Gegenstück zu den heutigen Vereinigten Staaten? Sparta war für seinen ausgeprägten militärischen Geist bekannt, verfügte über eine starke Landmacht und setzte seine Hopliten in Phalanxformationen ein. Zugleich war es eine Oligarchie, die in ständiger Angst vor einem Aufstand der versklavten Bevölkerung lebte. Und kann das antike Athen – die Wiege der westlichen Demokratie und zugleich ein expandierendes maritimes Imperium, dessen Wohlstand auf Seehandel beruhte – tatsächlich als überzeugende Analogie für das heutige China dienen?
Hinzu kommt, dass Entwicklungen seit der Zeit des Thukydides – darunter die Entstehung von Massengesellschaften, Nationalismus, Atomwaffen, die globale Erwärmung und künstliche Intelligenz – allzu einfache Parallelen zwischen damals und heute problematisch machen.
Zweitens sind monokausale Erklärungen komplexer gesellschaftlicher und politischer Phänomene grundsätzlich mit Vorsicht zu betrachten. Machtverschiebungen sind lediglich ein Element in einem größeren Gesamtbild. Wie bei anderen derartigen Phänomenen entstehen Kriege aus dem Zusammenwirken verschiedener Faktoren, wobei ein Machtübergang nur einer davon ist – wenn auch möglicherweise ein bedeutender.
Machtverschiebungen zwischen führenden Staaten sind weder eine hinreichende noch eine notwendige Voraussetzung für das Entstehen von Kriegen. Kriege sind zu komplex, um sie mit vereinfachenden, auf nur zwei Variablen beruhenden Erklärungsmodellen erfassen zu können. Deutschland, Japan und China haben in den vergangenen Jahrzehnten die Sowjetunion beziehungsweise Russland, Großbritannien und Frankreich in unterschiedlichen Machtindikatoren überholt, ohne dass daraus ein Krieg hervorging. Tatsächlich verlief der einzige Fall der modernen Geschichte, in dem die internationale Führungsrolle von einer Macht auf eine andere überging – der Aufstieg der Vereinigten Staaten anstelle des Vereinigten Königreichs zur führenden globalen Hegemonialmacht –, friedlich. Gerade in diesem offensichtlichsten und entscheidenden Testfall erweist sich die Warnung vor der Thukydides-Falle als Fehlalarm.
Drittens spielt auch das Timing eine Rolle. Nur wenige amerikanische Wissenschaftler haben sich die Frage gestellt, warum eine aufstrebende Macht nicht einfach abwarten sollte, solange der bestehende Trend zu ihren Gunsten verläuft und ihren weiteren Aufstieg begünstigt. Ebenso selten wird gefragt, weshalb die etablierte Hegemonialmacht unbedingt an einer bestehenden internationalen Ordnung festhalten sollte, obwohl sie unter deren Bedingungen an relativer Macht eingebüßt hat. Warum sollte sie die Regeln dieser Ordnung nicht verändern, um ihren Niedergang aufzuhalten oder sogar umzukehren?
Das Schlagwort von der Thukydides-Falle ist weit davon entfernt, die einzige oder auch nur wichtigste Lehre aus Thukydides’ vielschichtiger und differenzierter Darstellung des Peloponnesischen Krieges zu sein. Sein Werk macht die Leser vielmehr auf zahlreiche Kriegsursachen aufmerksam, darunter die Sogwirkung auswärtiger Verstrickungen, den Druck innenpolitischer Entwicklungen und natürlich menschliche Schwächen wie Zorn, Stolz und Hybris. Es gibt also mehrere Wege in den Krieg und nicht nur einen einzigen. Dieses Prinzip wird als Äquifinalität bezeichnet. Zu den zahlreichen Einsichten in Thukydides’ Darstellung des Peloponnesischen Krieges gehört auch die Warnung des Perikles an seine athenischen Mitbürger, er fürchte ihre eigenen selbstschädigenden Entscheidungen mehr als die klugen Strategien ihrer Gegner.
Behauptungen sollten nicht an die Stelle von Analyse treten – etwa indem Chinas Revisionismus oder ein möglicher Niedergang der Vereinigten Staaten bereits zu Beginn einer Untersuchung vorausgesetzt werden, anstatt sie als Schlussfolgerung aus einer evidenzbasierten Analyse abzuleiten. Empirische Fragen sollten weder durch rhetorische Setzungen noch durch kategorische Definitionen entschieden werden. Es ist durchaus möglich, dass China stärker an der bestehenden internationalen Ordnung festhält als die Vereinigten Staaten, die diese unter Trump zunehmend abbauen. Tatsächlich verhält sich Washington unter einer Trump-Regierung in vielerlei Hinsicht eher wie jenes revisionistische und zunehmend selbstbewusste Peking, das im vorherrschenden amerikanischen Narrativ typischerweise China zugeschrieben wird.
