Tunisian protesters gather in downtown Tunis, Tunisia during a demonstration organized by the Nafas opposition movement on August 20th, 2026, amid growing public anger over electricity and water shortages, rising living costs, shortages of essential medicines and unemployment. The protest comes during a summer of extreme heat and follows growing calls for political change and accountability from President Kais Saied’s government. Source: Shutterstock

Tunesiens politische Konsolidierung und wirtschaftliche Belastungen: Das „Stabilität zuerst“-Dilemma des Westens 

Einleitung

Fünf Jahre nach dem politischen Umbruch vom Juli 2021 steht Tunesien an einem entscheidenden Scheideweg. Die politische Macht hat sich zunehmend im Präsidentenamt konzentriert, während viele der wirtschaftlichen und sozialen Probleme, die bereits vor 2021 bestanden, weiterhin ungelöst sind.

Der tunesische Präsident Kais Saied hat die strukturelle Wirtschaftskrise des Landes nicht verursacht; er hat sie übernommen. Doch diese historische Tatsache beantwortet nicht die zentrale Frage, die sein politisches Projekt aufwirft. Vielmehr macht sie diese Frage noch präziser: Hat die Konzentration politischer Macht tatsächlich zu dem stärkeren und handlungsfähigeren Staat geführt, den sie versprach? Die vorliegenden Hinweise sprechen dagegen.

Tunesien ist politisch stärker zentralisiert worden, ohne dass eine vergleichbare Entwicklung seiner wirtschaftlichen oder institutionellen Leistungsfähigkeit erkennbar wäre. Darin liegt das zentrale Paradox der Zeit seit 2021: Die politische Autorität wurde gebündelt, doch die Fähigkeit des Staates, seine strukturellen Probleme zu lösen, hat nicht im gleichen Maße zugenommen.

Bereich 1: Politische Machtkonsolidierung und die Erosion der Institutionen

Seit dem 25. Juli 2021 hat Saied einen großen Teil der nach 2011 geschaffenen institutionellen Ordnung abgebaut. Das Parlament wurde aufgelöst, die Unabhängigkeit der Justiz erheblich geschwächt und Mechanismen, die die Macht des Präsidenten begrenzen konnten, schrittweise zurückgedrängt. Das Ergebnis ist ein politisches System, in dem die Entscheidungsgewalt weitaus stärker im Präsidentenamt konzentriert ist.

Die Konzentration von Entscheidungsgewalt darf jedoch nicht mit staatlicher Handlungsfähigkeit gleichgesetzt werden. Eine Regierung kann institutionelle Hindernisse für ihre Entscheidungen beseitigen, ohne dadurch besser in der Lage zu sein, Wirtschaftswachstum, Investitionen, Beschäftigung oder wirksame öffentliche Dienstleistungen zu gewährleisten.

Diese Unterscheidung ist von grundlegender Bedeutung. Wenn das frühere System dafür kritisiert wurde, handlungsunfähig zu sein, muss das neue System letztlich daran gemessen werden, was seine größere politische Autorität tatsächlich bewirkt hat. Bislang liefern die verfügbaren Erkenntnisse keinen Beleg für eine vergleichbare Verbesserung der staatlichen Leistungsfähigkeit.

Zentralisierung ist ein Zeichen konzentrierter Autorität. Sie ist für sich genommen jedoch kein Beleg für einen stärkeren Staat.

Bereich 2: Wirtschaftlicher Druck und die Grenzen des „starken Staates“

Saied übernahm eine akute Wirtschaftskrise. Zugleich übernahm er jedoch auch eine politische Debatte darüber, wie diese Krise überwunden werden sollte. Sein politisches Projekt stellte einen stärker zentralisierten Staat als Alternative zu der Zersplitterung und Lähmung dar, die mit der politischen Ordnung nach 2011 verbunden wurden. Daraus ergibt sich ein klarer Maßstab: Hat die politische Zentralisierung die bereits zuvor bestehenden strukturellen Wirtschaftsprobleme gelöst? Das hat sie nicht.

Dabei geht es nicht darum, Saied für jedes wirtschaftliche Problem verantwortlich zu machen, das Tunesien seit 2021 erlebt hat. Diese Probleme waren bereits tief verwurzelt. Entscheidend ist vielmehr, dass das nach 2021 eingeführte politische Modell bislang nicht belegen konnte, dass die Konzentration von Macht jene wirtschaftliche Transformation hervorgebracht hat, mit der diese Machtkonzentration gerechtfertigt wurde.

Die Weltbank verzeichnete in den ersten neun Monaten des Jahres 2025 ein Wachstum von rund 2,4 %. Dennoch lag die Arbeitslosenquote Ende 2025 weiterhin bei 15,2 %, während die Staatsverschuldung etwa 82,2 % des BIP betrug. Die wirtschaftliche Erholung ist real, sie stellt jedoch keine strukturelle Transformation der tunesischen Wirtschaft dar.

Auch die Finanzierungsschwierigkeiten des Landes blieben gravierend. Das Scheitern des vom Internationalen Währungsfonds unterstützten Reformprogramms im Jahr 2023 hat Tunesiens strukturelle Krise nicht verursacht. Es erfolgte jedoch vor dem Hintergrund bereits erheblicher Finanzierungsengpässe und schränkte den Spielraum für einen konventionellen, extern unterstützten Reformkurs zusätzlich ein.

Diese Unterscheidung ist wichtig. Die Bilanz seit 2021 belegt nicht, dass Saied Tunesiens Wirtschaftskrise geschaffen hat. Sie zeigt vielmehr, dass die politische Zentralisierung nicht in der Lage war, jene Krise zu lösen, als deren Lösung sie dargestellt worden war.

Zu diesem Schluss kam 2026 auch der ehemalige US-Botschafter in Tunesien, Joey Hood. Er argumentierte, dass die Tunesier aus der Konsolidierung politischer Macht keinen wirtschaftlichen Nutzen gezogen hätten, während sich gleichzeitig die politischen Freiheiten verschlechtert hätten.

Das Problem reicht daher tiefer als eine enttäuschende Wachstumsrate. Die politische Autorität wurde konzentriert. Die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit hingegen nicht. Das zentralisierte Modell war wesentlich erfolgreicher darin, zu verändern, wer den Staat kontrolliert, als darin, grundlegend zu verändern, was der Staat tatsächlich zu leisten vermag.

Bereich 3: Wenn wirtschaftliches Scheitern zum politischen Problem wird

Die wirtschaftlichen Folgen der Zentralisierung gewinnen politisch an Bedeutung, weil sich Verantwortung inzwischen leichter zuordnen lässt.

Vor 2021 konnten Bürger das Scheitern dem Parlament, den Regierungen, den politischen Parteien, Streitigkeiten innerhalb von Koalitionen oder der institutionellen Zersplitterung zuschreiben. Seit 2021 hat sich die politische Entscheidungsgewalt dagegen erheblich auf das Präsidentenamt konzentriert.

Damit verändert sich auch die Frage der politischen Verantwortlichkeit. Wenn politische Macht konzentriert wird, konzentriert sich zugleich die Verantwortung. Das bedeutet nicht, dass jedes wirtschaftliche Scheitern oder jedes Problem bei öffentlichen Dienstleistungen persönlich Saied zugeschrieben werden kann. Es bedeutet vielmehr, dass sich das politische System nicht unbegrenzt auf institutionelle Zersplitterung als Erklärung für anhaltende Missstände berufen kann.

Die jüngsten Proteste im Jahr 2026 haben gezeigt, wie wirtschaftliche und politische Unzufriedenheit erneut zusammenlaufen können. Im Mittelpunkt der Demonstrationen standen wirtschaftliche Not, Arbeitslosigkeit, öffentliche Dienstleistungen und Versorgungsengpässe. Damit sind Beschwerden wieder in den Vordergrund gerückt, die bereits vor 2021 eine zentrale Rolle in Tunesiens politischer Krise gespielt hatten.

Die Bedeutung dieser Entwicklung ist struktureller Natur. Dem alten System konnte politische Lähmung vorgeworfen werden. Das neue System muss zunehmend an seinen Ergebnissen gemessen werden.

Darin liegt das Verantwortungsparadox der Zentralisierung: Je mehr Macht ein politisches System konzentriert, desto schwieriger wird es, politische Kontrolle von der Verantwortung für politische und wirtschaftliche Ergebnisse zu trennen.

Bereich 4: Washington vs. Brüssel – ein fragmentierter westlicher Interessenausgleich

Der Westen spricht mit Blick auf Tunesien nicht mit einer Stimme. Washington und Brüssel teilen die Sorge über die politische Entwicklung Tunesiens, doch ihre strategischen Interessen sind nicht deckungsgleich. Dieser Unterschied ist entscheidend, um zu verstehen, weshalb die pragmatische Zusammenarbeit trotz des demokratischen Rückschritts fortgesetzt wird.

Brüssel: Tunesien als Partner an Europas südlicher Grenze

Für Brüssel ist die unmittelbare strategische Bedeutung Tunesiens eng mit der Steuerung von Migration, dem Grenzschutz und der Stabilität an Europas südlicher Mittelmeergrenze verbunden.

Die Europäische Union hat ihre praktische Zusammenarbeit mit Tunesien in den Bereichen Migration und Grenzmanagement fortgesetzt, während europäische Institutionen und politische Akteure zugleich ihre Besorgnis über den Abbau demokratischer Strukturen und die Menschenrechtslage zum Ausdruck gebracht haben.

Dies ist nicht zwangsläufig ein Widerspruch in der europäischen Politik. Vielmehr handelt es sich um eine strategische Abwägung. Europa hat ein unmittelbares Interesse daran, die Zusammenarbeit Tunesiens bei der Kontrolle der Migrationsbewegungen über das zentrale Mittelmeer aufrechtzuerhalten. Daher haben demokratiepolitische Bedenken die praktische Bedeutung der Zusammenarbeit in Migrationsfragen nicht verdrängt.

Washington: Tunesien als Sicherheitspartner

Washington betrachtet Tunesien aus einer anderen strategischen Perspektive. Sicherheitszusammenarbeit, Terrorismusbekämpfung und regionale Stabilität bleiben zentrale Bestandteile der bilateralen Beziehungen.

Joey Hood betont in seiner Einschätzung der strategischen Bedeutung Tunesiens für die Vereinigten Staaten ausdrücklich, dass auf der bestehenden Sicherheitszusammenarbeit aufgebaut und Tunesiens Rolle sowohl als Sicherheits- als auch als Wirtschaftspartner gestärkt werden sollte. Bereits in einer früheren Anhörung vor dem US-Senat bezeichnete er Tunesien zudem als langjährigen Partner der Vereinigten Staaten und als wichtigen Nicht-NATO-Verbündeten (Major Non-NATO Ally).

Das bedeutet nicht, dass Washington Saieds politisches Modell unterstützt. Es bedeutet vielmehr, dass die Sicherheitszusammenarbeit einer strategischen Logik folgt, die nicht mit einer an demokratische Bedingungen geknüpften Politik gleichzusetzen ist.

Die Unterscheidung ist daher klar: Brüssel benötigt Tunesien als Partner beim Migrations- und Grenzmanagement. Washington misst Tunesien als Partner für Sicherheit und regionale Stabilität besondere Bedeutung bei. Beide Beziehungen können deshalb fortbestehen, selbst wenn sich Tunesiens demokratische Entwicklung weiter verschlechtert.

Demokratie bleibt ein Anliegen des Westens. Sie ist jedoch nicht das einzige Kriterium, das das westliche Engagement bestimmt. Darin liegt die pragmatische Dimension der außenpolitischen Position Tunesiens.

Das politische System des Landes kann zunehmend zentralisiert werden, während Tunesien für seine wichtigsten westlichen Partner gleichzeitig von strategischem Nutzen bleibt. Das Ergebnis ist keine einheitliche westliche Unterstützung für Saied, sondern ein fragmentierter westlicher Interessenausgleich, bei dem demokratiepolitische Bedenken neben sicherheitspolitischen Interessen, migrationspolitischen Prioritäten und dem Streben nach regionaler Stabilität bestehen.

Bereich 5: Das Stabilitätsparadox

Tunesien ist kein gescheiterter Staat. Seine Institutionen funktionieren formal weiterhin, seine Sicherheitskräfte gewährleisten die öffentliche Ordnung, und der Staat verfügt nach wie vor über erhebliche Zwangs- und Verwaltungskapazitäten.

Politische Kontrolle darf jedoch nicht mit staatlicher Handlungsfähigkeit verwechselt werden. Ein Staat kann abweichende Meinungen unterdrücken, ohne die Arbeitslosigkeit zu lösen. Er kann Kritiker strafrechtlich verfolgen, ohne ausreichend Investitionen anzuziehen. Er kann Entscheidungsprozesse zentralisieren, ohne die Infrastruktur zu verbessern. Und er kann den politischen Wettbewerb einschränken, ohne die wirtschaftlichen Ursachen zu beseitigen, die überhaupt erst gesellschaftliche Unzufriedenheit hervorrufen.

Tunesien hat daher keinen Übergang von einem schwachen zu einem starken Staat vollzogen. Vielmehr zeigt sich eine andere Form der Transformation: von einem politisch fragmentierten System hin zu einem stärker zentralisierten Staat, dessen politische Kontrolle schneller ausgeweitet wurde als seine nachweisbare Fähigkeit, strukturelle Probleme zu lösen.

Diese Unterscheidung erklärt das Dilemma des Westens. Externe Zusammenarbeit kann unmittelbare Bedrohungen eindämmen. Die Zusammenarbeit in Migrationsfragen kann den Druck auf Europas Grenzen verringern. Sicherheitskooperation kann Tunesiens Rolle bei der regionalen Terrorismusbekämpfung und bei der Wahrung von Stabilität stärken. Doch nichts davon kann die fehlende wirtschaftliche und institutionelle Leistungsfähigkeit im Inneren ersetzen. Genau darin liegt der Unterschied zwischen dem Management von Stabilität und einer tatsächlichen Transformation des Staates.

Die Erfahrung Tunesiens zeigt, warum beides nicht miteinander verwechselt werden sollte. Ein Land kann für seine externen Partner stabil genug sein und zugleich für seine eigenen Bürger nicht ausreichend funktionieren.

Fazit: Die Grenzen dieses Interessenausgleichs

Saieds Präsidentschaft wurde als Lösung für ein politisches System präsentiert, das als gelähmt galt. Fünf Jahre später hat er die Macht zentralisiert, doch die strukturellen Probleme, die Tunesien bereits vor 2021 geschwächt hatten, bestehen fort.

Es geht nicht darum, Saied für Tunesiens Wirtschaftskrise verantwortlich zu machen. Er hat sie übernommen. Entscheidend ist vielmehr, dass sein politisches Projekt versprach, ein stärkerer und zentralisierterer Staat könne diese Krise überwinden. Bislang ist es nicht gelungen zu zeigen, dass dies tatsächlich möglich ist.

Der Wandel der politischen Autorität war tiefgreifend. Ein vergleichbarer Wandel der wirtschaftlichen und institutionellen Leistungsfähigkeit blieb dagegen aus. Darin liegt das zentrale Versagen des Modells seit 2021: Die politische Zentralisierung war wesentlich erfolgreicher darin, Macht zu bündeln, als darin, die Fähigkeit des Staates zu verbessern, jene Probleme zu lösen, die die Zentralisierung überhaupt erst politisch attraktiv gemacht hatten.

Die westliche Dimension verleiht diesem Dilemma zusätzliche Dauerhaftigkeit. Brüssel hat ein praktisches Interesse an Tunesien als Partner beim Migrationsmanagement und an Europas südlicher Grenze. Washington hat ein strategisches Interesse an Tunesien als Partner für Sicherheit und regionale Stabilität. Beide können daher ihre pragmatische Zusammenarbeit fortsetzen, ohne Saieds politisches Modell zu unterstützen.

Der demokratische Rückschritt bleibt ein Grund zur Sorge, doch die strategische Bedeutung Tunesiens prägt weiterhin die praktischen Beziehungen. Deshalb besteht die Entscheidung, vor der der Westen steht, nicht einfach zwischen „Stabilität“ und „Demokratie“. Diese Gegenüberstellung ist irreführend.

Die eigentliche Wahl besteht zwischen einer Form von Stabilität, die in erster Linie auf politischer Kontrolle beruht, und einer Form von Stabilität, die auf wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit, institutioneller Stärke und verantwortlicher Regierungsführung basiert.

Die Erfahrung Tunesiens legt nahe, dass Erstere auch ohne Letztere bestehen kann. Sie zeigt jedoch ebenso, dass politische Kontrolle staatliche Leistungsfähigkeit nicht unbegrenzt ersetzen kann.

Die zentrale Frage lautet daher nicht mehr nur: Ist Tunesien stabil? Sondern vielmehr: Wie lange kann politische Kontrolle staatliche Handlungsfähigkeit ersetzen, bevor die ungelöste strukturelle Krise selbst zur größeren Bedrohung für die Stabilität wird?

Referenzen
1. Al Jazeera. (2026, July 27). Five Years After Saied's Power Grab, Tunisians Are No Better Off. Joey Hood. 2. European Parliament Research Service. (2026). Managing Irregular Migration with EU External Partnerships. 3. Stimson Center. (2026, April 16). Reassessing Tunisia's Strategic Importance for the United States. Joey R. Hood. 4. U.S. Senate Committee on Foreign Relations. (2022). Testimony of Assistant Secretary of State for Near Eastern Affairs Joey Hood. 5. World Bank. (2023). Tunisia Economic Monitor: Tunisia's Economic Recovery Slows Down amid the Drought. 6. World Bank. (2026). Tunisia Economic Update and Country Data.
First published in: World & New World Journal
Saif Eddine Ghobr

Saif Eddine Ghobr

Saif Eddine Ghobr ist ein unabhängiger tunesischer Politikanalyst und Gründer von Tunisia Watch. Seine Arbeit konzentriert sich auf das Zusammenspiel von wirtschaftlicher Fragilität, institutionellem Verfall, politischem Wandel und der Instrumentalisierung sozialer Missstände.

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