A wide view of the newly commissioned Ojota-Opebi Link Bridge is seen lined with banners welcoming Bola Ahmed Tinubu in Ikeja, Lagos, Nigeria, on April 8, 2026. The roadway forms part of infrastructure projects aimed at improving connectivity and easing traffic in the area. Source: Shutterstock

Neoliberalismus und die Perspektiven einer wirtschaftlichen Renaissance in Nigeria

Die Wirtschaftsreformen Nigerias unter Präsident Bola Ahmed Tinubu markieren in einer Phase tiefgreifender fiskalischer, wirtschaftlicher und sozialer Krisen einen entscheidenden Kurswechsel hin zu einer marktorientierten Politik. Zwar haben diese Reformen einige bemerkenswerte makroökonomische Fortschritte erzielt, doch ihre bislang begrenzten Auswirkungen auf Armut und Lebensstandard werfen eine grundlegende Frage auf: Kann der Neoliberalismus Nigeria eine inklusive wirtschaftliche Entwicklung ermöglichen?

Als Bola Ahmed Tinubu im Mai 2023 das Präsidentenamt übernahm, erbte er eine angeschlagene Wirtschaft, die von makroökonomischer Instabilität, hoher Unsicherheit und einer desillusionierten Bevölkerung geprägt war. Nach den disruptiven Folgen der COVID-19-Pandemie blieb Nigerias schwaches Wirtschaftswachstum unzureichend, um genügend Beschäftigungsmöglichkeiten zu schaffen; die Arbeitslosenquote lag 2023 bei rund 32 Prozent. Heute beträgt die Armutsquote in Nigeria 52,5 Prozent, und der Anteil der in Armut lebenden Bevölkerung dürfte bis 2026 auf 53,2 Prozent steigen.

Als Präsident Tinubu im Mai 2023 vereidigt wurde, kündigte er an, einen neoliberalen wirtschaftspolitischen Kurs einzuschlagen – also eine Politik, die darauf abzielt, Ressourcenallokation und Preisbildung, einschließlich Wechselkursen und Zinssätzen, stärker den freien Märkten zu überlassen – und sich von der staatszentrierten Wirtschaftsphilosophie der Vorgängerregierung abzuwenden. Seitdem hat die Tinubu-Regierung drei zentrale neoliberale Wirtschaftsmaßnahmen umgesetzt. Erstens schaffte sie die seit Langem bestehende Treibstoffsubvention ab, die den Staat zuvor jährlich rund 10 Milliarden US-Dollar kostete und zudem durch korrupte Praktiken belastet war. Die Regierung plant, die durch die Abschaffung der Subvention eingesparten Mittel in produktive Wirtschaftsbereiche umzuleiten, insbesondere in Infrastruktur, erneuerbare Energien und Programme zur Armutsbekämpfung.

Zweitens liberalisierte die Tinubu-Regierung den Devisenmarkt. Die Regierung geht davon aus, dass dieser durch die Liberalisierung transparenter und weniger anfällig für jene rentenorientierten Praktiken wird, die ihn in der Vergangenheit geprägt haben. Die Reform soll das Vertrauen der Investoren stärken und Kapital- sowie Devisenzuflüsse anziehen, wodurch die Kapital- und Devisenmärkte liquider werden sollen.

Schließlich verabschiedete die Tinubu-Regierung Steuerreformgesetze, die darauf abzielen, das Wirtschaftswachstum zu fördern, die Staatseinnahmen zu erhöhen, das Geschäftsumfeld zu verbessern und eine wirksamere Steuerverwaltung zu schaffen. Die neuen Steuergesetze sollen zusätzliche Einnahmequellen erschließen, den Prozess der Steuererhebung vereinfachen und das System gerechter gestalten.

Der Neoliberalismus in Nigeria beruht auf drei zentralen Zielen: stabilisieren, verstetigen und befähigen. Stabilisierung bedeutet, die Inflation einzudämmen, Wechselkursschwankungen zu begrenzen sowie Haushaltsdefizite und Verschuldung zu reduzieren. Sind diese Maßnahmen langfristig tragfähig verankert, besteht der nächste Schritt darin, die Bevölkerung zu befähigen, indem sichergestellt wird, dass die Gewinne neoliberaler Reformen durch Geldtransferprogramme, die Schaffung von Arbeitsplätzen und Maßnahmen zur Armutsbekämpfung breit verteilt werden. Befürworter des Neoliberalismus wie Matthew Hoddie und Caroline Hartzell räumen ein, dass solche Maßnahmen kurzfristig mit erheblichen Belastungen verbunden sein können, argumentieren jedoch, dass die Vorteile beträchtlich seien, sobald sie sich entfalten.

Dieser Artikel untersucht die Begründung für den neoliberalen Kurs in Nigeria sowie dessen Chancen und Hindernisse bei der Wiederbelebung der nigerianischen Wirtschaft. Noch wichtiger ist jedoch, dass er über den Neoliberalismus hinausblickt und eine alternative Strategie für eine inklusivere wirtschaftliche Entwicklung vorschlägt, die auf einem aktiv eingreifenden und umverteilenden Staat beruht.

Neoliberalismus und die neue Weltordnung

Mit der Entstehung einer multipolaren Welt haben sich neue wirtschaftspolitische Denkansätze entwickelt, die zugleich die westliche wirtschaftspolitische Orthodoxie zunehmend infrage stellen. Dieses neue Denken zeigt sich etwa im „China-Modell“, bei dem der Staat eine treibende Rolle in der wirtschaftlichen Entwicklung übernimmt. Kennzeichnend für dieses Modell sind umfangreiche staatliche Subventionen für Unternehmen, massive Investitionen in Infrastruktur sowie eine gezielte Strategie, in technologischen Zukunftsbranchen eine führende Position einzunehmen. Auch öffentlich-private Partnerschaften (Public-Private Partnerships, PPP) haben sich weltweit zu einem zentralen wirtschaftspolitischen Leitbild entwickelt und stellen die Vorstellung infrage, dass nur eine rein marktorientierte Wirtschaft einen erfolgreichen strukturellen Wandel hervorbringen könne.

Diese innenpolitische Wirtschaftspolitik besitzt zugleich ein internationales Gegenstück: Die Abkehr von wirtschaftspolitischer Orthodoxie hat zur Entstehung neuer globaler Institutionen und wirtschaftlicher Machtzentren geführt. Besonders hervorzuheben ist dabei der Aufstieg der BRICS, die 2006 ins Leben gerufen wurden, um ein Gegengewicht zur westlichen Dominanz in der Weltwirtschaft und in den multilateralen Finanzinstitutionen zu bilden. Wenn Entwicklungsländer inzwischen über alternative Möglichkeiten verfügen, Entwicklungsfinanzierung jenseits westlicher Finanzinstitutionen zu mobilisieren, stellt sich daher die Frage, weshalb Nigeria dennoch beschlossen hat, sich an einer westlich geprägten wirtschaftspolitischen Orthodoxie und am Neoliberalismus zu orientieren.

Die Antwort dürfte in den schweren fiskalischen Problemen liegen, unter denen Nigeria seit Jahren leidet. Die Tinubu-Regierung kam zu einem Zeitpunkt an die Macht, als die fiskalische Krise des Landes ihren Höhepunkt erreicht hatte und damit die Möglichkeiten der Regierung einschränkte, alternative Entwicklungsmodelle zu verfolgen. Nigeria befand sich in einer Situation stark steigender Staatsausgaben bei gleichzeitig sinkenden Einnahmen. Der Anteil der Staatseinnahmen am Bruttoinlandsprodukt ging drastisch zurück, von 20,5 Prozent im Jahr 2000 auf 6,8 Prozent im Jahr 2023. Rund 65 Prozent der Staatseinnahmen und mehr als 90 Prozent der Deviseneinnahmen Nigerias stammen aus dem Ölsektor. Haushaltsdefizite, die durch inländische und ausländische Verschuldung finanziert werden, sind jedoch inzwischen zum fiskalischen Normalzustand geworden. Nigerias wachsende Defizite haben seine Auslandsverschuldung von 17,5 Prozent des BIP auf 48,7 Prozent im Jahr 2023 ansteigen lassen.

Die fiskalischen Einschränkungen des Landes haben dringend notwendige Investitionen verhindert, insbesondere im Bereich der Infrastruktur. Mit einem Infrastrukturkapitalstock von lediglich 30 Prozent des BIP liegt Nigeria deutlich unter dem von der Weltbank angesetzten Richtwert von 80 Prozent. Die Finanzierungslücke bei der Infrastruktur wird bis 2040 voraussichtlich auf rund 878 Milliarden US-Dollar anwachsen. Steuerreformen, die einen zentralen Bestandteil des neoliberalen Reformprogramms Nigerias darstellen, sollen die Staatseinnahmen erhöhen und zusätzliche Mittel für den Ausbau der Infrastruktur bereitstellen.

Kann der Neoliberalismus Nigeria retten?

Die Weltbank und der IWF vertreten die Auffassung, dass Länder, die neoliberale Maßnahmen konsequent umsetzen, mit größerer Wahrscheinlichkeit wirtschaftliche Vorteile erzielen. Tatsächlich lassen sich in Nigeria bereits einige positive Effekte beobachten, darunter ein Anstieg der Devisenreserven, eine Verbesserung der Kreditwürdigkeit – die zur Anziehung ausländischen Kapitals beigetragen hat –, eine größere Stabilität am Devisenmarkt, sinkende Inflationsraten und ein robusteres Wirtschaftswachstum von rund 4 Prozent im Jahr 2025.

Besonders bemerkenswert ist die Stabilisierung des nigerianischen Devisenmarktes, der vor den neoliberalen Reformen von hoher Volatilität und Unberechenbarkeit geprägt war. So schwankte der nigerianische Naira zwischen Juni 2023 und März 2024 um bis zu 105 Prozent, verglichen mit lediglich 13 Prozent im Zeitraum von März 2024 bis März 2026. Die relative Stabilität am Devisenmarkt hat Portfolioinvestitionen angezogen und die Devisenreserven des Landes von 35 Milliarden US-Dollar im Mai 2023 auf 49,5 Milliarden US-Dollar im Februar 2026 steigen lassen. Diese makroökonomischen Verbesserungen sind von Bedeutung, weil sie der Regierung ermöglichen, sich stärker auf politische Maßnahmen und Entwicklungsprogramme zu konzentrieren, die die Lebensbedingungen der Bevölkerung verbessern.

Bislang ist es der Regierung jedoch nicht gelungen, sicherzustellen, dass sich diese makroökonomischen Fortschritte auch in besseren Lebensbedingungen für einen großen Teil der nigerianischen Bevölkerung niederschlagen. Viele Menschen bleiben arbeitslos, arm und von Ernährungsunsicherheit betroffen. Arbeitslosigkeit und Armut haben sich seit der Umsetzung der neoliberalen Reformen sogar verschärft. Nach Angaben der Weltbank lebten im Oktober 2025 trotz der Reformen 139 Millionen Nigerianer – bei einer Gesamtbevölkerung von rund 238 Millionen – unterhalb der internationalen Armutsgrenze.

Nigeria gehört zu den wenigen rohstoffreichen Ölstaaten der Welt, die über keine institutionell verankerten sozialen Sicherungssysteme verfügen. Dadurch sind viele Nigerianer verarmt und gegenüber politischen Schocks und Naturkatastrophen unzureichend abgesichert. Ein entscheidendes fehlendes Element in Nigerias neoliberaler Dreifachstrategie aus Stabilisierung, Verstetigung und Befähigung ist daher das weitgehende Ausbleiben sichtbar spürbarer Wohlfahrtsgewinne für den Großteil der Bevölkerung.

Schlussfolgerung

Diese Defizite unterstreichen die Notwendigkeit, dass Nigeria über einen engen Fokus auf marktgetriebene Reformen und makroökonomische Stabilisierung hinausgeht und eine stärker staatlich gelenkte, umverteilende Entwicklungsstrategie verfolgt, die auf arbeitsintensiver Industrialisierung, ländlicher Transformation, verarbeitendem Gewerbe und menschlicher Entwicklung beruht.

So sollten etwa die durch die Abschaffung der Treibstoffsubventionen eingesparten Mittel genutzt werden, um Unternehmen – sowohl neuen als auch bestehenden – im verarbeitenden Gewerbe und in der Agrarverarbeitung zinsgünstige Kredite bereitzustellen. Dies könnte zur Schaffung gut bezahlter Arbeitsplätze beitragen und Armut verringern. Auch Start-ups im IKT-Sektor, der insbesondere jungen Menschen Beschäftigungsmöglichkeiten bietet, könnten von einem besseren Zugang zu Startkapital profitieren.

Der Staat sollte zudem Investitionen in relevantes Humankapital priorisieren, damit Nigerianer die Qualifikationen erwerben, die für Beschäftigung in wachsenden Zukunftsbranchen benötigt werden, darunter künstliche Intelligenz, Internet der Dinge, Blockchain, Big Data, Datenanalyse, Drohnentechnologie und Robotik.

Geldtransfers an arme und besonders gefährdete Bevölkerungsgruppen sollten institutionell verankert werden, um die negativen Auswirkungen neoliberaler Wirtschaftspolitik abzufedern.

Auch wenn die Wirtschaftsreformen von Präsident Tinubu notwendig sind und offenbar bereits einige positive makroökonomische Ergebnisse hervorbringen, sollte seine Regierung anerkennen, dass wirtschaftliche Entwicklung letztlich am Wohlergehen der Menschen gemessen werden muss.

Notizen & Fußnoten
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First published in: Australian Institute of International Affairs Original Source
Steve Onyeiwu

Steve Onyeiwu

Dr. Steve Onyeiwu ist Professor für Wirtschaftswissenschaften am Allegheny College in Meadville, Pennsylvania, USA.

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