Die fragile Sicherheitslage in Mali hat sich Ende April 2026 weiter verschlechtert. Gut koordinierte Angriffe richteten sich gegen mehrere Städte und kosteten den Verteidigungsminister Sadio Camara sowie mehreren malischen Soldaten das Leben.
Die Ereignisse bilden den vorläufigen Höhepunkt einer Zunahme von Angriffen auf das Militär und die staatliche Institutionen in Mali in den vergangenen Jahren.
Wir forschen seit mehr als einem Jahrzehnt zu Unsicherheit und Politik in Westafrika und im Sahel. Unserer Einschätzung nach gehen die jüngsten Angriffe auf Beschwerden der Tuareg zurück, auf die das derzeitige Militärregime nicht reagiert hat. Die Tuareg sind nomadische Berbergemeinschaften im Norden Malis.
Erstens geht es um die Unfähigkeit oder den mangelnden Willen, die Unzufriedenheit der Tuareg anzugehen. Bei ihren Beschwerden geht es um politische Autonomie, Marginalisierung, kulturelle Anerkennung, Kontrolle über Ressourcen, Sicherheit und eine wahrgenommene Vernachlässigung durch den Staat.
Zweitens geht es um den fortgesetzten Einsatz militärischer Gewalt gegen Rebellen in den nördlichen Regionen, ohne Rücksicht auf Kollateralschäden. Die Tuareg stellen die Militarisierungspolitik aufeinanderfolgender malischer Regierungen seit Langem infrage.
Drittens geht es um die ungleiche Verteilung von Ressourcen, durch die der Norden marginalisiert bleibt. Dazu gehören Ressourcen in Nordmali wie Goldvorkommen, Salzminen, Weideland und strategische Handelskorridore. Die Einnahmen aus diesen Quellen werden weiterhin vom staatlichen Zentrum im Süden kontrolliert.
Die Bekämpfung der Ressourcenmarginalisierung könnte eine Reihe von Vorteilen mit sich bringen. Sie könnte die Beschwerden der Tuareg abmildern, das Vertrauen in den malischen Staat wiederherstellen und die Anreize im Konflikt weg von Rebellion und hin zu politischer Teilhabe, Stabilität und nachhaltigem Frieden im Norden Malis verschieben.
Der Zusammenbruch
Im April 2026 schloss sich die dschihadistische Gruppe Jama’at Nusrat al-Islam wal-Muslimin (JNIM) mit ethnischen Tuareg-Rebellen der nördlichen Azawad Liberation Front (FLA) zusammen, um jüngst mehrere Städte des Landes anzugreifen.
Dies erinnert an einen ähnlichen Angriff im Jahr 2012, als die Tuareg und die mit al-Qaida verbundene Milizen eine Offensive gegen den Staat begonnen. Die von Tuareg dominierte Nationale Bewegung für die Befreiung des Azawad (MNLA) versuchte, sich abzuspalten, und löste eine Rebellion aus.
Die MNLA ist eine von Tuareg dominierte separatistische Bewegung. Sie wurde 2011 gegründet und besteht hauptsächlich aus ehemaligen Rückkehrern aus dem Libyen-Krieg sowie Tuareg aus dem Norden Malis. Auf dem Höhepunkt ihrer Stärke im Jahr 2012 verfügte die Organisation über etwa 10.000 Kämpfer.
Trotz ihrer Zahl fehlte ihr die militärische Stärke, um das Gebiet zu halten. Deshalb verbündete sie sich mit den islamistischen Gruppen Ansar Dine, al-Qaida im Islamischen Maghreb (AQIM) und der Bewegung für Einheit und Dschihad in Westafrika (MUJAO). Kurz nachdem sie die malischen Streitkräfte Ende 2012 zurückgedrängt hatten, zerfiel dieses Bündnis.
Die islamistischen Gruppen waren besser bewaffnet und finanziert. Sie vertrieben die säkularen Separatisten aus wichtigen Städten wie Gao, Timbuktu und Kidal. Das Eingreifen französischer Streitkräfte im Jahr 2013 half der malischen Regierung, den Großteil der verlorenen Gebiete zurückzuerlangen.
AQIM und seine Verbündeten zogen sich daraufhin in die Berge und die umliegenden Wüstengebiete zurück. Sie gingen zu Guerillataktiken über, darunter Selbstmordanschläge und der Einsatz von Landminen.
Der Abzug der französischen Streitkräfte im Jahr 2022 scheint die islamistischen Milizen ermutigt zu haben. Er verringerte den Druck der Terrorismusbekämpfung, störte nachrichtendienstliche und logistische Strukturen und schuf angesichts der schwachen staatlichen Kapazitäten Malis ein Sicherheitsvakuum. Dadurch konnten islamistische Gruppen ihre Operationen ausweiten, vor Ort neue Kämpfer rekrutieren und territorialen Einfluss zurückgewinnen.
Nicht gelernte Lektionen
Das weithin populäre Militärregime von Assimi Goïta hat es versäumt, auf die Forderungen der Tuareg-Separatisten einzugehen. Die Tuareg beklagen seit Langem ihren Ausschluss von der Macht durch den vom Süden dominierten malischen Staat. Seit der Unabhängigkeit des Landes im Jahr 1960 argumentieren Tuareg-Führer, dass die Struktur des malischen Staates weder ihre politische Identität noch ihre wirtschaftlichen Interessen und Regierungstraditionen widerspiegele. Die Forderung nach Selbstverwaltung oder Autonomie wurde häufig mit Gewalt unterdrückt.
In jüngerer Zeit haben zunehmende Dürren, Wüstenbildung und Klimaschwankungen die pastoralen Lebensgrundlagen der Tuareg schwer geschädigt. Diese Beschwerden reichen der islamistischen Aufstandsbewegung voraus und sind grundlegend, um das Vorgehen der Gruppe zu verstehen.
Das zweite ungelöste Problem besteht darin, dass Antiterroroperationen auf Gewalt setzen und dabei Kollateralschäden verursachen. Jüngste Analysen zeigen, dass Antiterroroperationen im Norden und im Zentrum Malis zu großflächigem Leid unter der Zivilbevölkerung, zu Vertreibungen und kollektiven Bestrafungen geführt haben. Dazu gehörten willkürliche Verhaftungen und Massentötungen.
Diese Faktoren haben Bedingungen geschaffen, die islamistische Gruppen für Rekrutierung, territoriale Kontrolle und Legitimität ausgenutzt haben.
Die Verantwortung dafür wurde aufeinanderfolgenden malischen Regierungen und früheren französischen Operationen zugeschrieben. Dies war ein zentraler Grund dafür, dass Frankreichs Interventionen als gescheitert bezeichnet wurden.
Der dritte wichtige Gewaltfaktor in Mali hängt mit der ungleichen Verteilung von Ressourcen zusammen. Seit der Unabhängigkeit konzentrieren sich öffentliche Investitionen, Infrastruktur, soziale Dienstleistungen und politische Aufmerksamkeit stark auf die südlichen Landesteile.
Frühere Friedensabkommen versprachen Dezentralisierung, Finanzierung sowie die Integration nördlicher Eliten und ehemaliger Kämpfer. Ihre Umsetzung verlief jedoch langsam oder blieb ganz aus.
Gibt es einen Weg nach vorn?
Die Tuareg-Frage muss beantwortet werden, um die Spannungen zwischen den Regionen des Landes zu verringern. Man kann argumentieren, dass Tuareg-Akteure sich zweimal verkalkuliert haben, indem sie Bündnisse mit dschihadistischen Gruppen eingingen. Doch das schmälert nicht die Notwendigkeit, die strukturellen Ungleichheiten und langjährigen Beschwerden anzugehen, die den Forderungen der Tuareg zugrunde liegen.
Um dies zu erreichen, könnte das malische Regime dem Vorbild des früheren nigrischen Präsidenten Mahamadou Issoufou folgen. Vor seiner Präsidentschaft waren die Tuareg in Niger mit ähnlichen Missständen konfrontiert. Als Issoufou 2011 Präsident wurde, tat er Folgendes:
Er integrierte Tuareg-Eliten und ehemalige Rebellen in staatliche Institutionen.
Er dezentralisierte staatliche Autorität, indem er administrative und haushaltspolitische Kontrolle auf regionaler Ebene zuließ.
Er führte Programme zur Entwaffnung, Demobilisierung und Wiedereingliederung ein.
Issoufou investierte zudem in den Ausbau der Infrastruktur in Bereichen, die die Tuareg unmittelbar betrafen. Dazu gehörten Pastoralismus, Bildung und die Unterstützung von Lebensgrundlagen. Der Zugang zu Wasser in trockenen Weidegebieten wurde verbessert. Auch die Vernetzung und die Verkehrssicherheit wurden ausgebaut.
