Die Äußerungen von Premierminister Netanjahu zur Schaffung eines Bündnisses oder eines „Hexagons von Allianzen um oder innerhalb des Nahen Ostens“ waren offensichtlich keineswegs beiläufig. Im Gegenteil: Sie waren sorgfältig formuliert und wurden zu Beginn der wöchentlichen Kabinettssitzung vorgetragen – eine bewusste Entscheidung, die der Erklärung formelle Autorität und strategisches Gewicht verleihen sollte. Auf diese Weise stellte er sicher, dass die Botschaft im In- und Ausland große mediale Aufmerksamkeit erhalten würde. Zudem formulierte Netanjahu diese Vorstellung als zukunftsgerichteten strategischen Rahmen –unmittelbar bevor er den erwarteten Besuch des indischen Premierministers Narendra Modi ankündigte.
Hintergrund: Die Peripheriedoktrin
Netanjahus vorgeschlagenes Konzept erinnert an eine ältere israelische Sicherheitsdoktrin, die auf David Ben-Gurion, den ersten Ministerpräsidenten Israels, zurückgeht und bereits in den 1950er Jahren entwickelt wurde: die sogenannte Peripheriedoktrin, auch bekannt als Strategie des „Heranziehens der Peripherien“. Ziel dieses Ansatzes war es, die arabischen Kernstaaten zu umgehen, indem Israel Allianzen mit nichtarabischen Regionalmächten und Minderheitengruppen im Nahen Osten bildete, um die arabischen Staaten in seiner Umgebung einzukreisen und zu schwächen. Historisch setzte die Doktrin auf enge Beziehungen zur Türkei, zum Iran und zu Äthiopien sowie auf die Ansprache von Minderheiten in Bilad al-Scham (Syrien, Jordanien, Palästina und Libanon), im Irak, im Südsudan und in Nordafrika. Dahinter stand die strategische Annahme, dass sich die Akteure der Region mit inneren konfessionellen und ethnischen Konflikten sowie mit angespannten Beziehungen zu rivalisierenden Staaten beschäftigen würden. Auf diese Weise sollte das arabische strategische Umfeld geschwächt und die Aufmerksamkeit von einer Konfrontation mit der israelischen Besatzung abgelenkt werden.
Diese Strategie lief jedoch weitgehend ins Leere, insbesondere nach dem Sturz des Schahs und dem Erfolg der Islamischen Revolution im Iran sowie mit dem Aufstieg konservativ-islamischer Bewegungen in der türkischen Politik. Israel konnte diese Rückschläge allerdings durch Normalisierungsabkommen mit Ägypten, Jordanien, der palästinensischen Führung und später mit den Vereinigten Arabischen Emiraten, Bahrain, Marokko und Sudan ausgleichen. Damit bestand keine Notwendigkeit mehr, „die Peripherien heranzuziehen“, weil der Kern faktisch „gezähmt“ war und nicht länger als Bedrohung galt.
Gerade deshalb stellt sich die Frage, warum Netanjahu diese Idee nun öffentlich vorantreibt, und wie ernsthaft und praktisch umsetzbar ein solches Projekt überhaupt ist.
Gibt es eine sunnitische Radikalachse?
Jede objektive Untersuchung, ja selbst jede sorgfältige Prüfung, findet keinerlei Hinweise auf das Entstehen einer „sunnitischen Radikalachse“. Was sich tatsächlich abzeichnet, ist lediglich eine Form der Koordinierung zwischen Saudi-Arabien, Pakistan und der Türkei. Staaten also, die im Allgemeinen:
- einem „moderaten“ Lager zuzurechnen sind und dem politischen Islam nicht anhören
- strategisch eng mit den USA verbunden sind
- den Friedensprozess und die Zwei-Staaten-Lösung entschieden unterstützen, wobei Saudi-Arabien und Pakistan Bereitschaft zur Normalisierung der Beziehungen zu Israel signalisiert haben, sollte Israel sich zu dieser Lösung bekennen
- zu den wichtigsten Unterstützern von Trumps Plan für den Gazastreifen (GS) gehören
- die Führung der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) und die Palästinensische Autonomiebehörde (PA) in Ramallah unterstützen, zugleich darauf bestehen, dass die Hamas das Oslo-Abkommen und den Friedensprozess anerkennt, um so ihre Teilnahme an palästinensischen Wahlen und ihre Integration in die PLO zu ermöglichen, und die Entwaffnung der Hamas unter Aufsicht der PA befürworten (wie sich in der Abstimmung auf der Internationalen Konferenz zur Zwei-Staaten-Lösung vom 28.–30.7.2025 sowie in der New Yorker Erklärung vom 12.9.2025 widerspiegelt)
- keine Bedrohung für Israel darstellen und keinerlei Absicht haben, sich auf einen Konflikt mit ihnen einzulassen.
Praktisch bedeutet das: Es gibt weder eine Achse, ein politisches Bündnis noch irgendeine „radikale“ Formation in einem ernstzunehmenden Sinn. Netanjahus Behauptungen sind daher eine konstruierte und banalisierende Erfindung.
Wachsende regionale Besorgnis:
Die israelische Brutalität und der anhaltende Völkermord im GS haben die Besorgnis in den Staaten der Region erheblich verstärkt und zugleich ernste Fragen aufgeworfen, auch in jenen Ländern, die einer Normalisierung eher zugeneigt sind, ob eine „Normalisierung“ oder eine „friedliche Regelung“ mit einem solchen politischen System überhaupt möglich oder tragfähig ist. Diese Sorge wurde durch die jüngsten Verschiebungen in der israelischen Sicherheitsdoktrin weiter verschärft, die inzwischen offen und mit Zwang operiert, ihre Dominanz in der gesamten Region durchsetzt und versucht, alle Akteure in eine „israelische Ära“ hineinzuzwingen. Der angestrebte Friedensprozess beruht nicht länger auf Partnerschaft oder Gleichheit, sondern vielmehr auf der Logik eines israelischen „Herrn“ und eines arabischen „Gefolgsmanns“. Darüber hinaus hat das Verhalten der USA unter Trump diese Unsicherheit weiter verstärkt, aufgrund seines pragmatischen Ansatzes, der „Macht und Interesse“ den Vorrang gibt, sowie eines zionistisch-evangelikalen Weltbildes, das internationale Normen, Gesetze und gemeinsame Vereinbarungen missachtet. Zusätzliche Beunruhigung geht von der Phase nach dem „Schlag gegen den Iran“ aus, da die Furcht wächst, die Region könne einer umfassenden Unterordnung unterworfen werden.
Diese Besorgnis zeigt sich in der Aussetzung oder Verlangsamung der Normalisierung durch Saudi-Arabien ebenso wie in den koordinierten Bemühungen Saudi-Arabiens, Pakistans und der Türkei, strategische Lücken zu schließen und gemeinsame Interessen zu schützen. Auch Ägypten, Saudi-Arabien und andere Staaten haben begonnen, ihre Bezugsquellen für Rüstungsgüter zu diversifizieren.
Infolgedessen könnte bereits eine begrenzte Koordinierung zwischen diesen Staaten ausgereicht haben, um bei Israel „die Alarmstufe rot“ auszulösen – insbesondere in einem Kontext, in dem es auf vollständige regionale Dominanz abzielt.
Netanjahus Ziele:
Die Achse, auf die sich Netanjahu bezog und die er als einen strategischen Gürtel um den Nahen Osten beschrieb, umfasst Indien, Griechenland, Zypern sowie einige nicht näher benannte afrikanische und asiatische Staaten. Äthiopien gilt als ein plausibler Kandidat für den afrikanischen Staat, während die Identität der übrigen Länder Spekulation bleibt. Einige Beobachter haben vermutet, dass es sich bei dem betreffenden arabischen Land um einen Golfstaat handelt, der für seine engen Beziehungen zu Israel und seine starke Ausrichtung an dessen regionaler Agenda bekannt ist.
Netanjahus Ankündigung einer „hexagonalen Achse“ lässt sich vor dem Hintergrund folgender Punkte deuten:
1. seines Bemühens, sich der israelischen Öffentlichkeit als ein Politiker mit strategischem Weitblick zu präsentieren und so sein Bild als „Held und Retter“ Israels zu stärken, insbesondere im Lichte seiner Rolle bei der Operation al-Aqsa-Flut sowie bei Israels Kriegen gegen den Libanon (Hisbollah), den Jemen (Ansar Allah) und den Iran.
2. der internationalen Isolation Israels und seines Status als weltweit geächteter Staat. Netanjahu versucht, sich vor der israelischen Öffentlichkeit als ein Politiker darzustellen, der in der Lage ist, diese Isolation zu durchbrechen und regionale Bündnisse zu schmieden, mit denen sich potenzielle äußere Bedrohungen neutralisieren oder eindämmen ließen.
3. Selbst ohne einen realen Gegner oder eine unmittelbar bevorstehende Bedrohung hat Netanjahu ein Interesse daran, einen Feind zu „konstruieren“, um den inneren Zusammenhalt aufrechtzuerhalten, seine fortgesetzte Führung zu rechtfertigen, Israels Aggression und regionale Ambitionen zu legitimieren und Spannungen aufrechtzuerhalten, die Fortschritte im Friedensprozess behindern, einschließlich einer möglichen Umsetzung der Zwei-Staaten-Lösung.
4. Die Erklärung selbst offenbart die durch die Operation al-Aqsa-Flut unterstrichene existenzielle Angst, die Sorgen über Stabilität in einem volatilen Umfeld sowie die Tiefe des „Sicherheitskomplexes“ innerhalb der zionistischen Denkweise. Sie spiegelt die Entwicklung der israelischen Sicherheitsdoktrin nach der Operation al-Aqsa-Flut wider, insbesondere ihre Betonung vorsorglicher Sicherheit, den Übergang von Abschreckung durch Drohung zu Abschreckung durch Zerstörung, die präventive Neutralisierung potenzieller Risiken sowie den Versuch, den „Nahen Osten“ nach israelischen Erfordernissen umzugestalten, anstatt Israel an die Realitäten der Region anzupassen.
Diese Angst zeigt sich beispielhaft in Netanjahus Behauptung, Israel kämpfe an sieben Fronten, während der US-Botschafter in Israel, Mike Huckabee, in einem Interview mit Tucker Carlson klarstellte, dass Ägypten und Jordanien zwei dieser Fronten darstellten, allein wegen der dortigen Präsenz der Bewegung der Muslimbrüder (MB). Diese Charakterisierung ignoriert die massive Unterdrückung der MB in Ägypten, ihre Marginalisierung und Delegitimierung in Jordanien sowie die Tatsache, dass beide Länder normalisierte Beziehungen unterhalten und fest zum Friedensprozess stehen.
5. die offenkundige Verwirrung und mangelnde Ausgewogenheit bei Netanjahu und in der israelischen Führung. Sein Ansatz ist in sich widersprüchlich, da er befreundete, auf Normalisierung ausgerichtete Staaten zu entfremden droht, indem er sie in einer Weise darstellt, die ihrem Wesen und ihren politischen Strukturen nicht gerecht wird. Netanjahu könnte beabsichtigt haben, selbst auf potenzielle regionale Partner zusätzlichen politischen Druck auszuüben, um sie davon abzuhalten, eine Politik zu verfolgen, die sich stärker von der US-israelischen Dominanz emanzipiert. In der Praxis verstärkt diese Strategie jedoch ihre Befürchtungen und entlarvt Israel als einen unzuverlässigen Akteur und potenziellen Gegner, was es tatsächlich auch ist! Zugleich sendet sie an die Staaten der Region die implizite Warnung, dass sie genau beobachtet werden und dass selbst die begrenzte Eigenständigkeit, die sie sich zu bewahren hofften, nicht toleriert wird.
Schlussfolgerung:
Netanjahu könnte zumindest teilweise darauf abzielen, einen Zustand des „strategischen Ausbalancierens“ herzustellen, wobei Indien Pakistan ausgleicht, Griechenland und Zypern die Türkei und Äthiopien Ägypten ausbalancieren sollen. Es ist jedoch unwahrscheinlich, dass diese Staaten völlig neue Initiativen verfolgen würden, da viele von ihnen bereits seit Langem eine Politik betreiben, die dem ähnelt, was der Bildung dieser angeblichen Achse vorausging. Neu könnte allenfalls die Schaffung von Koordinierungsmechanismen zwischen ihnen sein, während Israel versuchen würde, regionale Rivalitäten weiter zu verschärfen und mögliche Verständigungen im Voraus zu verhindern.
Dennoch fehlt es diesen Ländern an der Fähigkeit, einen wirklichen Einschließungsring zu bilden. Sie verfügen weiterhin über zahlreiche überschneidende Interessen mit der arabischen und muslimischen Welt und dürften kaum bereit sein, Konflikte gegen sie auszutragen. Ebenso ist wenig wahrscheinlich, dass sie sich auf offene Bündnisse einlassen würden, die ihre eigenen Agenden israelischen Vorgaben unterordnen. Vieles von Netanjahus Rhetorik erscheint daher überzogen und spekulativ, auch wenn Vorsicht, sorgfältiges Agieren und vorbeugende Maßnahmen weiterhin unerlässlich bleiben.
Insgesamt dürften Netanjahus Schritte die Sorgen möglicher Partner und Verbündeter eher verstärken und zugleich den Kreis der Gegner des zionistischen Projekts in der Region erweitern – bis hinein in jene Staaten, die als die „gemäßigtesten“ gelten und die engsten Beziehungen zu den USA unterhalten. Das macht eine umfassende Neubewertung durch alle arabischen Staaten erforderlich, sowohl hinsichtlich der Tragfähigkeit des Friedensprozesses und der Normalisierung mit Israel als auch mit Blick auf die Prioritäten der arabischen und islamischen nationalen Sicherheit. Zugleich unterstreicht es, wie wichtig es ist, den palästinensischen Widerstand und die Standhaftigkeit des palästinensischen Volkes als eine zentrale und strategische Verteidigungslinie der Ummah (muslimische Nation) zu begreifen.
