Der Goldpreis ist erstmals auf über 5.000 US-Dollar (ca. 4.300€) pro Unze gestiegen, nachdem er sich im Jahr 2025 bereits verdoppelt hatte, was für das Edelmetall ein besonders starkes Jahr war.
Die gängige Erklärung für derart starke Anstiege lautet, dass Gold als sichere Anlage gilt, wenn andere Investitionsmöglichkeiten unsicher erscheinen. Hohe Inflation etwa, bei der Bargeld rasch an Wert verliert, wird häufig mit steigenden Goldpreisen in Verbindung gebracht. Handelskriege und tatsächliche militärische Konflikte haben in der Regel eine ähnliche Wirkung.
Daraus ergibt sich die verbreitete Auffassung, dass Gold in Zeiten der Instabilität besonders gut abschneidet. Doch Forschungsergebnisse, an denen ich beteiligt war, legen nahe, dass Goldpreise nicht lediglich eine Reaktion auf kurzfristige wirtschaftliche Ereignisse sind.
Vielmehr spiegeln sie etwas Grundlegenderes wider: ein übergreifendes Maß an Vertrauen in die Art und Weise, wie wirtschaftliche Systeme langfristig gesteuert und verwaltet werden.
Denn in jüngeren Phasen anhaltender wirtschaftlicher Stabilität im Westen blieben die Goldpreise weitgehend konstant. Das stetige Wachstum, die moderate Inflation und die berechenbare Wirtschaftspolitik der frühen 1990er- und 2000er-Jahre etwa waren keine guten Zeiten für Gold.
Und anstatt auf jede konjunkturelle Hoch- oder Tiefphase zu reagieren, sind es vor allem Erschütterungen der sogenannten „monetären Glaubwürdigkeit“, die den Goldpreis in die Höhe treiben. Mit anderen Worten: Wenn Zweifel aufkommen, ob Zentralbanken und Regierungen in den kommenden Jahrzehnten Inflationsentwicklung, Staatsverschuldung und Währungsstabilität unter Kontrolle halten können, gewinnt Gold an Attraktivität. In solchen Phasen wird das Edelmetall besonders begehrt.
Das erklärt, warum der Goldpreis weiter steigen kann, selbst wenn die Inflation zurückgeht — wie es zuletzt in mehreren großen Volkswirtschaften, darunter den USA und Teilen Europas, zu beobachten war.
Und obwohl die jüngste Schwäche des Dollars sowie die politische Unsicherheit in den Vereinigten Staaten dem Anstieg des Goldpreises vermutlich zusätzlichen Auftrieb verliehen haben, verstärken diese Faktoren eher einen tieferliegenden Vertrauenswandel, als dass sie ihn allein erklären könnten.
Unsere Ergebnisse legen nahe, dass kein einzelnes Bündel makroökonomischer Variablen — etwa Inflation, Zinssätze oder Aktienkurse — die Entwicklung des Goldpreises in Industrie- und Schwellenländern konsistent erklären kann. Diese Faktoren spielen mitunter eine Rolle, aber eben nicht immer.
Einfache Erzählmuster — ob sie sich nun auf Inflation, Handelskriege oder die Schwächung des US-Dollars beziehen — reichen daher nicht aus, um die aktuelle Lage am Goldmarkt zu erklären. Inflation allein vermag nicht zu erklären, warum die Goldpreise hoch bleiben, selbst wenn der allgemeine Preisdruck nachgelassen hat.
Was das Gold uns über die Welt sagt
Weitere Hinweise darauf liefern Daten des World Gold Council: Demnach kaufen Zentralbanken so viel Gold wie seit Jahrzehnten nicht mehr — insbesondere seit 2022. Diese Entwicklung hält an, obwohl die Inflation in vielen Ländern zurückgegangen ist. Auch das spricht dafür, dass diese Entscheidungen eher von langfristigen Erwägungen als von kurzfristigen Preisbewegungen bestimmt werden.
Die Entscheidungen der Zentralbanken spiegeln Sorgen um Widerstandsfähigkeit, Diversifizierung und Vertrauen wider. Für sie liegt der Reiz von Gold gerade darin, dass es vergleichsweise geringe Risiken birgt.
Gold wird nicht wie staatliche Papierwährungen von einer Regierung ausgegeben. Es kann nicht nach Belieben geschaffen werden wie gedrucktes Geld. Und es hängt nicht von der Glaubwürdigkeit einer einzelnen Institution ab.
In einer Welt hoher Staatsverschuldung, geopolitischer Fragmentierung und wachsendem Druck auf die Unabhängigkeit der Zentralbanken bietet Gold daher Stabilität und eine Form der Absicherung. Sein Preis steigt immer dann, wenn das Vertrauen in die Regeln, die das Geldsystem ordnen, ins Wanken gerät.
Diese Unsicherheit kann auch dann bestehen bleiben, wenn das Wachstum wieder einsetzt oder die Inflation sinkt. Unter diesem Gesichtspunkt signalisiert der jüngste Anstieg des Goldpreises nicht eine sofortige Panik oder einen bevorstehenden Zusammenbruch.
Vielmehr spiegelt er eine Neubewertung des langfristigen Vertrauens in die Geldordnung wider — zu einem Zeitpunkt, an dem Regierungen schwierige Abwägungen zwischen Schuldentragfähigkeit, politischem Druck und Preisstabilität treffen müssen.
Mit seinem derzeit hohen Wert sagt Gold keine konkrete Krise voraus. Ebenso liefert es keine eindeutige Prognose für die Inflation. Doch es macht etwas Wesentliches über die gegenwärtige Lage sichtbar.
Die Märkte scheinen weniger sicher zu sein, dass die Rahmenbedingungen, die Geldpolitik, Verschuldung und wirtschaftspolitisches Handeln bestimmen, unverändert Bestand haben werden. Das bedeutet nicht, dass diese Systeme gescheitert sind, wohl aber, dass ihre Glaubwürdigkeit nicht mehr in dem Maße als selbstverständlich gilt wie in der Vergangenheit.
Gold sagt die Zukunft nicht voraus. Doch es bietet einen Einblick darin, wie groß das Vertrauen der Märkte in die Grundlagen des globalen Wirtschaftssystems ist.
