Beirut, Lebanon - October 27, 2019: Lebanese Protesters against the current government, and against corruptions in the country. Source: Shutterstock

Libanons autonome und dezentralisierte Soft Power: Kultur, Diaspora und Bildung

Im Zeichen des hundertjährigen Bestehens seiner Verfassung blickt der Libanon auf ein Jahrhundert anhaltender Krisen und wiederkehrender Schwierigkeiten zurück, unterbrochen lediglich von vereinzelten Phasen relativer Stabilität. Vor allem das konfessionelle und konkordanzdemokratische System der Machtteilung hat das Land dauerhaft belastet. In der Folge haben sich Misswirtschaft im öffentlichen Sektor, unzureichende Regierungsführung und anhaltende Straflosigkeit als ebenso schädliche wie folgenreiche Begleiterscheinungen verfestigt.

Aus diplomatischer Perspektive war das Land über lange Zeit von wenig strukturierten Leitlinien und einer uneindeutigen Außenpolitik geprägt. Gleichzeitig haben sich jedoch unkonventionelle Grundlagen herausgebildet, die einer genaueren Betrachtung bedürfen: eine autonome und dezentralisierte Form von Soft Power, die auf drei Säulen beruht – Kultur, Diaspora und Bildung.

Kultur – eine eigenständige Form diplomatischer Repräsentation

Trotz eines Jahrhunderts wiederkehrender Krisen verfügt der Libanon weiterhin über eine ausgeprägte kulturelle Strahlkraft in der MENA-Region und darüber hinaus – getragen von Medien, Journalismus, Literatur, Kunst und Musik. Auch wenn diese Wirkung nicht immer in klaren institutionellen Strukturen verankert ist, fungiert Beirut traditionell als regionales kulturelles Zentrum. Insbesondere libanesische Medienschaffende, Journalisten, Autoren, Künstler und Musiker prägen weiterhin regionale Debatten über Identitätsbildung, gesellschaftlichen Aktivismus und politische Entwicklungen.

Mit einem umfangreichen Repertoire an kreativen Werken und Kompositionen nahmen die Rahbani-Brüder eine Pionierrolle in der libanesischen Kulturlandschaft ein. Sie verbanden das kulturelle Erbe des Landes mit einer Synthese aus arabischen Traditionen und westlichen Einflüssen und machten daraus eine der führenden und einflussreichsten kulturellen Ausdrucksformen der Region, die zugleich internationale Anerkennung und weltweite Resonanz erlangte.

Besonders deutlich stärkt dieser kulturelle Einfluss das Bild des Libanon als einen Ort der Vielfalt und der freien Meinungsäußerung. Im Gegensatz zur offiziellen Diplomatie entfaltet sich kultureller Einfluss weitgehend über eigenständige, nichtstaatliche Wege – gerade dies trägt zu seiner Widerstandsfähigkeit bei. Auf diese Weise verleiht die Kultur dem Land eine besondere repräsentative Bedeutung, getragen von einer diskursiven Form kultureller Diplomatie, die in gemeinsamen Erfahrungen, narrativen Strukturen und dem kreativen Umgang mit dem kulturellen Erbe verankert ist. Dieser Einfluss wird dabei vor allem durch kulturelle Ausdrucksformen vermittelt und weniger durch institutionalisierte Botschaften.

Diaspora – Trägerin einer dezentralisierten Diplomatie

Die libanesische Diaspora hat sich in besonderem Maße als ein einflussreiches internationales diplomatisches Netzwerk erwiesen. Als dezentrale Form diplomatischer Aktivität wirkt sie durch im Ausland lebende Libanesen und Menschen libanesischer Herkunft, die in internationalen Organisationen, renommierten Institutionen und globalisierten Wirtschaftsstrukturen tätig sind.

Eine abschließende und allgemein anerkannte Zahl zur Größe der libanesischen Diaspora existiert nicht, da zu den im Ausland lebenden Libanesen sowohl Nachfahren früherer Auswanderer als auch heutige Migranten und registrierte Wähler gezählt werden können. Schätzungen gehen jedoch davon aus, dass ihre Zahl mindestens doppelt so hoch ist wie die Bevölkerung des Libanon selbst und insgesamt bei rund 10 Millionen Menschen liegt. Damit weist der Libanon eines der weltweit höchsten Verhältnisse zwischen Diasporabevölkerung und Bevölkerung des Herkunftslandes auf.

Zugleich bilden die Beiträge der Diaspora seit Langem eine tragende Säule der libanesischen Wirtschaft. Die jährlichen Rücküberweisungen werden im Durchschnitt auf rund 6,5 Milliarden US-Dollar geschätzt. Darüber hinaus fungiert die libanesische Diaspora regelmäßig als eine Art inoffizieller Botschafter des Landes: Sie prägt Wahrnehmungen, trägt zur Verbesserung der sozioökonomischen Bedingungen im Libanon bei, beeinflusst innenpolitische Dynamiken, ermöglicht akademischen Austausch, fördert die Verbreitung libanesischer Kultur im Zuge der Globalisierung, baut internationale Partnerschaften auf und verstärkt die globale Vernetzung.

Die Ausbreitung koordinierter libanesischer Diasporanetzwerke in Staaten wie Kanada, Frankreich und den Vereinigten Staaten hat zudem den direkten Austausch mit politischen Entscheidungsträgern und institutionellen Akteuren in den jeweiligen Gastländern erleichtert. Dies verdeutlicht, wie libanesische nationale Interessen auch außerhalb formeller und konventioneller diplomatischer Kanäle vorangebracht werden können.

Diese selbst übernommenen Aufgaben haben die transnationale Sichtbarkeit des Libanon nachhaltig gestärkt. Angesichts des offenkundigen Mangels an einem klaren staatlich gesteuerten Rahmen spielen die libanesischen Gemeinschaften im Ausland weiterhin eine zentrale Rolle dabei, die Existenzberechtigung und Bedeutung des Libanon international hervorzuheben.

Bildung – eine zentrale diplomatische Konstellation

Historisch wurde Beirut dank seiner Universitäten als ein Leuchtturm des Wissens in der MENA-Region wahrgenommen, der über Generationen hinweg Studierende in unterschiedlichsten Fachrichtungen ausgebildet hat. Bildung entwickelte sich damit wohl zu einem der wirkungsvollsten Instrumente des Landes und zu einem intellektuellen Bindeglied an der Schnittstelle zwischen Ost und West.

Weitgehend unabhängig von staatlich gelenkten Initiativen entstanden diese Strukturen auf organische Weise und entwickelten sich zu einer Form der Wissensdiplomatie, die Glaubensfreiheit, Multikulturalität, das Recht auf Zugang zu Informationen und intellektuelle Neugier fördert und unterstützt.

Akteure aus der libanesischen Wissenschaftslandschaft haben zudem mit großem Engagement zu internationalen Hochschulen, Thinktanks und Forschungseinrichtungen beigetragen. Dadurch wird die Bedeutung des Landes über sein Humankapital immer wieder neu gestärkt – ein Humankapital, das sich aus Ideen, Fachwissen und sektorübergreifender Zusammenarbeit speist.

Auf institutionellen Traditionen aufbauend, die beinahe zwei Jahrhunderte zurückreichen, stehen insbesondere Hochschulen wie die AUB (American University of Beirut), die LAU (Lebanese American University) und die USJ (Université Saint-Joseph de Beyrouth) beispielhaft für den langjährigen Beitrag des Libanon zur internationalen Wissenschaft und zu den damit verbundenen Netzwerken. Diese Einrichtungen haben Generationen libanesischen Humankapitals hervorgebracht, dessen intellektuelle Werdegänge und berufliche Erfahrungen heute Universitäten, Forschungsinstitutionen und professionelle Netzwerke in aller Welt prägen.

Gezielte Instrumentalisierung

Zusammengenommen bilden Kultur, Diaspora und Bildung ein weit verzweigtes, zugleich jedoch robustes Instrumentarium libanesischer Soft Power. Grundsätzlich sind diese drei Säulen autonom und dezentral organisiert, können jedoch auf sinnvolle Weise ineinandergreifen: Kultur stiftet Identität, die Diaspora verbreitet diese geprägte Identität international, und Bildung trägt durch die Förderung von Wissen und Humankapital zu ihrem Fortbestand bei.

Kennzeichnend ist, dass dieses Gefüge weitgehend eigenständig funktioniert, da es weder durch eine staatliche Leitlinie gesteuert noch fest in eine außenpolitische Strategie eingebettet ist. Zugleich prägt gerade seine dezentrale Struktur die Funktionsweise der drei Säulen. Libanons kulturelles Engagement, seine gesellschaftlichen Netzwerke und sein globales Humankapital haben sich dabei immer wieder als Träger und Vermittler nationaler Anliegen erwiesen. Auch ohne institutionalisierte Steuerung verfügt der Libanon damit weiterhin über eine lebendige internationale Ausstrahlung und eine beachtliche globale Reichweite.

Letztlich sollten diese drei Säulen in einer umfassenden nationalen diplomatischen Strategie verankert werden, die es ihnen ermöglicht, ihre jeweilige Wirkungsweise aufeinander abgestimmt fortzuführen. Angesichts der gegenwärtigen Lage besteht jedoch die Gefahr, dass das Fehlen institutioneller Führung und einer langfristigen Vision dazu führt, Libanons Soft Power eher als zufälliges Nebenprodukt denn als bewusst verfolgte Strategie erscheinen zu lassen. Ihr Potenzial ist offenkundig erheblich, wird bislang jedoch nicht gezielt genutzt.

Eine stärkere Institutionalisierung sollte daher den gemeinsamen Einfluss dieser drei Säulen fördern, ohne ihren autonomen und dezentralen Charakter zu verwässern. Ziel sollte ein Rahmen sein, der Kultur, Diaspora und Bildung stärkt und miteinander verbindet, sodass daraus eine strategisch ausgerichtete libanesische Soft-Power-Politik entstehen kann.

First published in: World & New World Journal
Joey Geadah

Joey Geadah

Dr. Joey Geadah – Wissenschaftler | Ausgezeichneter Berater für Kommunikation und internationale Angelegenheiten | Dozent | Zertifizierter Trainer | Vordenker Als Bildungswissenschaftler und preisgekrönter Berater für Kommunikation und internationale Angelegenheiten arbeitet er mit verschiedenen internationalen Organisationen zusammen. Parallel dazu ist er ein gefragter Vordenker für globale, branchenübergreifende Institutionen zu einer Vielzahl von Themen.

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