Nach Angaben des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj bereitet sich Nordkorea darauf vor, bis zu 50.000 weitere Soldaten zur Unterstützung der russischen Militärkampagne in der Ukraine zu entsenden. Das südkoreanische Außenministerium konnte Selenskyjs Angaben zwar nicht bestätigen, doch in Seoul wurden sie sehr wohl aufmerksam registriert.
Auf eine entsprechende Nachfrage am 10. August erklärte ein nicht namentlich genannter Sprecher des Außenministeriums:
Die militärische Zusammenarbeit zwischen Nordkorea und Russland ist eine Angelegenheit, die unmittelbar mit unserer Sicherheit zusammenhängt, und stellt einen Verstoß gegen Resolutionen des UN-Sicherheitsrats dar. […] Die Position der Regierung ist, dass eine solche Zusammenarbeit unverzüglich eingestellt werden muss, und wir beobachten die entsprechenden Entwicklungen sehr genau.
Jede neue Truppenentsendung würde einen bereits klar erkennbaren Trend weiter verfestigen. Pjöngjang und Moskau unterzeichneten im Juni 2024 einen gegenseitigen Verteidigungspakt, und innerhalb weniger Monate wurden bis zu 15.000 nordkoreanische Kräfte nach Russland entsandt. Das Spektrum reichte von Bauarbeitern über Logistikpersonal, Raketenbediener und Ingenieure bis hin zu Infanteristen. Darunter befanden sich auch 1.500 Angehörige von Spezialeinheiten.
Nordkorea hat erheblich von seiner Partnerschaft mit Russland profitiert. Bislang haben seine Soldaten nicht innerhalb der international anerkannten Grenzen der Ukraine gekämpft. Nordkoreanische Soldaten haben jedoch bei Bodenoperationen in der russischen Region Kursk Kampferfahrung gesammelt, wo die Ukraine 2024 eine Offensive auf russisches Gebiet gestartet hatte. Auch nordkoreanische Raketen wurden gegen die Ukraine eingesetzt, und Pjöngjang hat im Gegenzug neue Militärtechnologie aus Russland erhalten.
Noch wichtiger ist möglicherweise, dass die Partnerschaft Nordkorea erhebliche finanzielle Vorteile verschafft hat. Nach vielen Jahren mit negativem BIP-Wachstum wuchs die nordkoreanische Wirtschaft 2025 um 3,5 Prozent. Neben direkten Zahlungen für die militärische Unterstützung, die Nordkorea Russland gewährt, versorgt die Partnerschaft zwischen beiden Ländern Nordkorea auch mit Treibstoff, Nahrungsmitteln und technischer Unterstützung; zudem werden Schuldenrückzahlungen aufgeschoben.
Die Partnerschaft hat einen klaren Kreislauf geschaffen: Nordkorea liefert Munition und Personal, die Russland im Krieg einsetzt; Moskau unterstützt Nordkorea im Gegenzug mit Ressourcen und Technologie; und Pjöngjang nutzt diese Unterstützung, um seine Position gegenüber Südkorea zu stärken.
Sorge in Südkorea
Für Südkorea besteht eine zentrale Sorge darin, welche Erfahrungen nordkoreanische Soldaten in Russland sammeln könnten. Das nordkoreanische Militär, die Koreanische Volksarmee, hat seit dem Koreakrieg Anfang der 1950er-Jahre keinen großen konventionellen Krieg mehr geführt. Nun ist es jedoch direkt in einen modernen Krieg eingebunden.
Nordkoreanisches Personal war dabei nicht nur an unmittelbaren Kampfhandlungen beteiligt, sondern auch an Drohnenaufklärung, elektronischer Kriegsführung und präzisen Artillerieschlägen. Pjöngjang ist nun zudem in der Lage, seine eigene Waffentechnologie unter realen Gefechtsbedingungen zu analysieren und ihre Wirksamkeit zu bewerten, statt dies nur in Testszenarien zu tun.
Aus Kyjiw und anderen verbündeten Hauptstädten gab es Forderungen an Seoul, sein Engagement im Ukraine-Krieg auszuweiten. Sowohl in der südkoreanischen Bevölkerung als auch innerhalb der politischen Führung gibt es jedoch Widerstand gegen eine direkte militärische Unterstützung.
Diese Haltung hat der südkoreanische Präsident Lee Jae-myung seit 2025 deutlich gemacht. Anstatt sich stärker in einen weit entfernten Krieg in Europa einzubringen, hat Lee seine Außenpolitik auf die koreanische Halbinsel konzentriert und zuletzt am 15. August zu Gesprächen mit Nordkorea aufgerufen, um eine friedliche Koexistenz anzustreben.
Gleichzeitig versucht Südkorea jedoch, seine Einsatzbereitschaft gegenüber neuen Bedrohungen aus Nordkorea zu stärken. Die jährlichen Ulchi-Freedom-Shield-Manöver, die Südkorea gemeinsam mit dem US-Militär durchführt, haben ihren Schwerpunkt verändert. Neben klassischen szenariobasierten Feldmanövern und Luftoperationen umfassen sie inzwischen auch Drohneneinsätze, Cyberangriffe und GPS-Störungen.
Eine zentrale Sorge betrifft jedoch Südkoreas Verhältnis zu seinem traditionellen Sicherheitspartner, den Vereinigten Staaten. So wie Seoul sich nicht am russischen Krieg in der Ukraine beteiligen will, zeigt es sich auch zurückhaltend gegenüber einer Beteiligung am Krieg der Vereinigten Staaten gegen Iran. Und wie bei anderen US-Verbündeten in Europa könnte dies Konsequenzen haben.
In einem Beitrag in den sozialen Medien vom 16. August erklärte Donald Trump, die Vereinigten Staaten würden ihre gemeinsamen Militärübungen mit Südkorea „deutlich reduzieren“. Als Gründe nannte er Südkoreas Weigerung, sich am Iran-Krieg zu beteiligen, sowie seine eigene „sehr gute“ persönliche Beziehung zum nordkoreanischen Machthaber Kim Jong-un.
Gleichzeitig haben die Vereinigten Staaten im Krieg gegen Iran erhebliche Mengen an Munition verbraucht, obwohl sie über die größte Militärmacht der Welt verfügen. Berichte von Anfang August deuteten darauf hin, dass die USA „praktisch alle“ ihre Präzisionsraketen für weitreichende Angriffe eingesetzt hätten.
Bereits Anfang 2026, als die Vereinigten Staaten im Iran-Konflikt große Teile ihrer Raketenbestände aufbrauchten, diskutierten Washington und Seoul über die Möglichkeit, einige der in Korea stationierten amerikanischen Patriot-Flugabwehrsysteme in den Nahen Osten zu verlegen. Während Nordkorea militärisch stärker wird, erkennt Seoul zunehmend, dass seine eigene Sicherheitspolitik nicht länger auf der Annahme beruhen kann, dass im Falle eines Konflikts mit dem Norden jederzeit ausreichend amerikanische Waffen zur Verfügung stehen werden.
Ob die zusätzlichen 50.000 nordkoreanischen Soldaten tatsächlich entsandt werden, bleibt abzuwarten. Die grundsätzliche Warnung für Seoul ist jedoch real: Südkorea muss sich auf ein stärkeres Nordkorea in einer Welt einstellen, in der selbst die größten militärischen Arsenale nicht immer ausreichen, um politische Ziele zu erreichen.
