Ulsan, South Korea - September 28th, 2024: View of HD Hyundai Heavy Industries Ulsan Headquarters, South Korea. A key player in shipbuilding, this landmark facility.

Südkorea, Taiwan und Vietnam zeigen: Wirtschaftliche Staatskunst ist nicht nur Großmächten vorbehalten

„Make American shipbuilding great again“ (Masga) mag wie ein Versuch der USA klingen, ihre wirtschaftliche Stärke zu festigen und international Macht zu projizieren. Tatsächlich handelt es sich jedoch nicht um eine amerikanische Initiative, sondern um ein südkoreanisches Projekt, das im Anschluss an Handelsgespräche mit den USA im Juni entstand.
Anstatt auf die Zollandrohungen der Trump-Regierung ausschließlich mit klassischen Handelsverhandlungen zu reagieren, erkannten südkoreanische Regierungsvertreter eine Gelegenheit, ihren amerikanischen Gesprächspartnern zu demonstrieren, dass Südkorea eine bessere Behandlung verdient. Ihr Vorschlag? Die südkoreanischen Schiffbaukompetenzen in die USA bringen.
Südkorea ist vor allem als Exporteur von K-Pop, Autos und Halbleitern bekannt. Doch das Land ist zugleich eine globale Großmacht im Schiffbau. Allein die Werft in der südostkoreanischen Stadt Ulsan produziert jährlich rund zehnmal so viele Schiffe wie die gesamte US-amerikanische Schiffbauindustrie.
Und zu einem Zeitpunkt, zu dem die USA versuchen, Chinas rasch wachsende Marine einzudämmen, ist Unterstützung aus Südkorea daher dringend gefragt. Der US-Marineminister John Phelan erklärte Anfang 2025, die amerikanischen Schiffbauprogramme seien „ein einziges Chaos“. Das beste Projekt liege „sechs Monate hinter dem Zeitplan und 57 Prozent über dem Budget – und das ist noch das beste“, so Phelan.
Masga wurde im August offiziell gestartet. Die südkoreanischen Konzerne HD Hyundai und Samsung Heavy Industries unterzeichneten ein Abkommen im Umfang von 150 Milliarden US-Dollar (112 Milliarden Pfund, 127 Milliarden Euro), um die Fähigkeiten der US-Schiffbauindustrie zu modernisieren.
Das Projekt ist ein klares Beispiel dafür, wie eine sogenannte Mittelmacht – also ein Staat, der nicht über die Dominanz einer Großmacht verfügt, aber aufgrund besonderer industrieller, rohstoffbezogener oder diplomatischer Fähigkeiten Gewicht hat – wirtschaftliche Staatskunst einsetzt, um über sein eigentliches Gewicht hinaus Einfluss auszuüben.
Der Begriff der wirtschaftlichen Staatskunst wurde bislang vor allem verwendet, um Maßnahmen von Großmächten wie den USA oder China zu beschreiben, mit denen sie den Zugang zu ihren Konsum-, Investitions- und Produktionsmärkten ermöglichen oder einschränken. Ziel ist es, außen- oder sicherheitspolitische Interessen durchzusetzen, indem die Ressourcen rivalisierender Mächte geschwächt oder unter Druck gesetzt werden.
Ein klassisches Beispiel hierfür sind die US-Sanktionen gegen Russland wegen des Ukrainekriegs sowie gegen den Iran im Zusammenhang mit dessen Atomprogramm. Auch die offene Verknüpfung wirtschaftlicher Instrumente wie Sanktionen und Zölle mit Verteidigungszielen in der jüngsten nationalen Sicherheitsstrategie Washingtons verdeutlicht diesen Ansatz.
Mittelmächte haben wirtschaftliche Staatskunst traditionell kaum aktiv zur Durchsetzung eigener Ziele genutzt. Stattdessen bemühten sie sich, über kooperative Beteiligung an regionalen und multilateralen Foren Einfluss zu gewinnen. Doch einige dieser Länder treten inzwischen selbstbewusster auf und setzen mit vorbeugenden Initiativen wie Masga gezielt eigene Akzente.

Wirtschaftliche Staatskunst in der Praxis

Taiwan ist vielleicht das deutlichste Beispiel für eine Mittelmacht, die wirtschaftliche Staatskunst einsetzt. Das Land nutzt seine Schlüsselrolle in den globalen Lieferketten für Halbleiter als Hebel, um sich gegen eine mögliche chinesische Invasion abzusichern. Die frühere Präsidentin Tsai Ing-wen bezeichnete die internationale Abhängigkeit von Taiwans Chipindustrie 2021 als einen „Silicon Shield“ („Siliziumschild“).
Taipeh kontrolliert den Verkauf ihrer Technologien streng und prüft Investitionen – insbesondere aus China – sorgfältig, um seine Position zu schützen. Zugleich investieren führende Unternehmen wie TSMC massiv, um ihren technologischen Vorsprung zu sichern.
Ein weiteres Beispiel bietet Vietnam. Entsprechend seiner außenpolitischen Strategie, der sogenannten „Bambusdiplomatie“, empfängt Hanoi Staats- und Regierungschefs aus China, Russland und den USA und setzt dabei auf Flexibilität statt feste Blockbindung. Ziel ist es, Vietnams nationale Interessen pragmatisch und eigenständig zu maximieren.
Mit den weltweit sechstgrößten Reserven an Seltenen Erden versucht Vietnam nun, auch kritische Rohstoffe als Instrument wirtschaftlicher Staatskunst zu nutzen. Am 11. Dezember beschloss die Regierung ein Exportverbot für Seltene Erden und begründete dies mit der Notwendigkeit, den Sektor stärker auf inländische Verarbeitung und höherwertige Produktion auszurichten, anstatt lediglich unverarbeitete Rohstoffe zu exportieren.
Seltene Erden sind zentrale Bestandteile zahlreicher Produkte des täglichen Lebens, darunter Smartphones, Halbleiter und Elektrofahrzeuge. Indem Vietnam den ausländischen Zugang zu diesen Schlüsselressourcen einschränkt, versucht das Land, sich eine langfristige Position in besonders gefragten Lieferketten zu sichern.
Zusammen zeigen diese Beispiele, dass wirtschaftliche Staatskunst längst nicht mehr ausschließlich den Großmächten vorbehalten ist. Mittelmächte gewähren oder beschränken gezielt den Zugang zu ihren wirtschaftlichen Stärken, um Märkte und sicherheitspolitische Beziehungen neu zu gestalten. Südkoreas Schiffbau, Taiwans Chipproduktion und Vietnams Seltene Erden stehen exemplarisch für diesen selbstbewussteren Ansatz.
Diese Staaten beschränken sich nicht länger auf reaktive Maßnahmen oder stille Diplomatie in regionalen Foren und multilateralen Verhandlungen. Stattdessen schlagen sie aktiv wirtschaftliche und militärische Partnerschaften vor – wie bei Masga oder bei Tsais Hinweis, dass angesichts der zentralen Bedeutung von Chips für die Weltwirtschaft alle ein Interesse an Taiwans Sicherheit haben müssten.
Die Großmächte haben dies zur Kenntnis genommen. Im Oktober gaben HD Hyundai und der US-Rüstungskonzern Huntington Ingalls Industries bekannt, gemeinsam Schiffe der nächsten Generation für die US-Marine zu bauen – erstmals wird damit ein südkoreanisches Unternehmen ein Schiff für die amerikanische Marine fertigen. Auch Washington soll Berichten zufolge um Vietnam werben, unter anderem mit einer Aufwertung der diplomatischen Beziehungen und Zusagen zur Unterstützung im Bergbausektor.
Für andere Mittelmächte ist das Zeichen eindeutig: Sie müssen ihre wirtschaftlich strategischen Stärken, von denen andere Länder abhängig sind, identifizieren und sie gezielt nutzen.

First published in: The Conversation Original Source
Robyn Klingler-Vidra

Robyn Klingler-Vidra

Dr. Robyn Klingler-Vidra ist Vizedekanin für Globale Kooperationen und außerordentliche Professorin für Politische Ökonomie und Unternehmertum an der King’s Business School. Sie ist Autorin von „Startup Capitalism: New approaches to innovation strategies in East Asia“ (mit Ramon Pacheco Pardo, Cornell University Press, 2025), „The Venture Capital State: The Silicon Valley Model in East Asia“ (Cornell University Press, 2018) und „Inclusive Innovation“ (mit Alex Glennie und Courtney Savie Lawrence, Routledge, 2022). Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Unternehmertum, Innovation und Risikokapital. Ihre Arbeiten wurden in führenden Fachzeitschriften wie „International Affairs“, „International Studies Quarterly“, „New Political Economy“, „Regulation & Governance“ und „World Development“ veröffentlicht. Sie leitet Weiterbildungsprogramme für Führungskräfte und hat Studien für die Asian Productivity Organisation, das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) und Innovate UK durchgeführt. Robyn Klingler-Vidra erwarb ihren Bachelor in Politikwissenschaft an der University of Michigan sowie ihren Master und Doktortitel in Internationaler Politischer Ökonomie an der London School of Economics and Political Science (LSE). Sie ist Senior Fellow der Higher Education Academy.

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