Warsaw, Poland - January 04 2026: Venezuelan flag waved during protest against U.S. intervention in Venezuela.

Venezuela an einem kritischen Wendepunkt (Teil II): Die Festnahme Maduros und die Debatte über Souveränität, Intervention und Macht

Im ersten Teil dieses Artikels wurde ein kurzer historischer Überblick gegeben, der von der venezolanischen Präsidentschaftskrise im Jahr 2019 bis zu den Spannungen in der Karibik — zwischen den Vereinigten Staaten und Venezuela — sowie zur vollständigen wirtschaftlichen Blockade Venezuelas handelte. Der Artikel ließ zudem mehrere Fragen offen, die sich im Lichte der jüngsten Ereignisse inzwischen geklärt haben, während zugleich neue Fragen aufgeworfen wurden.

US-Handlungen in Venezuela und die Festnahme Maduros

Die Lage zwischen den Vereinigten Staaten und Venezuela endete im Jahr 2025 mit einer vollständigen wirtschaftlichen Blockade durch die USA sowie mit der „Beschlagnahmung“ eines venezolanischen Öltankers. Die Situation änderte sich jedoch noch einmal dramatisch, als Nicolás Maduro am 3. Januar 2026 in Caracas von US-Streitkräften festgenommen wurde.

Nach vorangegangenen Drohungen sowie anhaltendem militärischem und wirtschaftlichem Druck auf Venezuela führte der Präsident der Vereinigten Staaten, Donald Trump, eine Operation zur Festnahme und Absetzung Nicolás Maduros und seiner Ehefrau durch. Der Einsatz war präzise angelegt und dauerte rund zwei Stunden; trotz seines Erfolgs führte er jedoch zu erheblichen menschlichen Verlusten (80 Todesopfer laut The New York Times, es handelt sich jedoch um inoffizielle Zahlen, darunter 32 kubanische Kämpfer, wie von Havanna bestätigt wurden) sowie zu Schäden an militärischen Infrastrukturen in Caracas sowie in den Bundesstaaten Miranda, Aragua und La Guaira.

Wie bereits bekannt war, hatte die US-Regierung Maduro als Mitglied oder Anführer des sogenannten Kartells der Sonnen eingestuft. Darüber hinaus war eine Belohnung in Höhe von 50.000 US-Dollar für seine Festnahme ausgesetzt worden, und seit 2020 hatte die Staatsanwaltschaft des südlichen Bezirks von New York Maduro wegen Drogenhandels und Verschwörung zur Einfuhr von Kokain in die Vereinigten Staaten angeklagt. In diesem Zusammenhang folgte auf Maduros Festnahme seine Überstellung nach New York, wo er vor Gericht gestellt werden soll.

Venezuela: eine ungewisse Gegenwart?

Nach der Inhaftierung Maduros ordnete der Oberste Gerichtshof Venezuelas an, dass Vizepräsidentin Delcy Rodríguez aufgrund der „vorübergehenden“ Abwesenheit Maduros die Funktion des Staatsoberhaupts übernehmen sollte. Nach den US-Angriffen verurteilte Rodríguez das, was sie als „ausländische Aggression“ bezeichnete, scharf und beschrieb die Festnahme Maduros als eine „illegale und illegitime Entführung“. Nach ihrer Vereidigung milderte sie jedoch den Ton ihrer Erklärungen und lud die Trump-Regierung sogar dazu ein, „gemeinsam an einer Agenda zur Kooperation zu arbeiten, die auf eine gemeinsame Entwicklung abzielt, im Rahmen der internationalen Legalität und zur Stärkung eines dauerhaften gemeinschaftlichen Zusammenlebens“. Rodríguez betonte ebenso die Prinzipien der Souveränität und der Nichteinmischung.

All dies entspringt der imperialistischen Rhetorik von Trump und Rubio. Trump machte sehr deutlich, dass er Venezuela „regieren“ werde, „bis wir einen sicheren, angemessenen und vorsichtigen Übergang erreichen können“. Alles deutet darauf hin, dass Trump Rodríguez — wenn auch unter der Drohung, „das Richtige zu tun“ — eine Chance geben will; sollte dies nicht funktionieren oder sollte sie seinen Erwartungen nicht entsprechen, werden die Vereinigten Staaten erneut intervenieren.

Auf der anderen Seite wurden sowohl Edmundo González — der am 4. Januar ein Video veröffentlichte, in dem er sich selbst zum „Präsidenten Venezuelas“ erklärte und zu einem „friedlichen und klaren“ Übergang aufrief — als auch María Corina Machado von der US-Regierung faktisch an den Rand gedrängt. Als Begründung wurde ein Mangel an innerer Unterstützung angeführt, wobei darauf verwiesen wurde, dass sich ihre Anhänger außerhalb Venezuelas befinden würden.

Auf gesellschaftlicher Ebene fielen die Reaktionen gemischt aus und reichten von Feiern über die Festnahme Maduros bis hin zu Demonstrationen gegen die Einmischung der USA. Die aktuelle Lage ist äußerst heikel: Mit der Ernennung Rodríguez’, dem Fehlen einer klaren kurzfristigen Perspektive — zusammen mit der Drohung weiterer US-Interventionen und Einmischungen — sowie der politischen Ausgrenzung der Opposition scheint sich die soziale Realität Venezuelas nicht verändert zu haben, und es ist unwahrscheinlich, dass sich dies in naher Zukunft wesentlich ändern wird.

Rodríguez’ Haltung – ihre Einladung an die Vereinigten Staaten zur Zusammenarbeit, wenn auch unter Druck, und die faktische Bereitschaft, Öl und Ressourcen auf dem Silbertablett anzubieten – könnte jedoch zu jenem sozialen Zündstoff werden, der in naher Zukunft echten Wandel in Venezuela auslöst.

Internationale Reaktionen

Die Ereignisse in Venezuela überraschten viele Staaten, und die internationalen Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten.

Südafrika erklärte in einer Pressemitteilung, das Vorgehen der Vereinigten Staaten stelle eine „Verletzung der Charta der Vereinten Nationen“ dar und forderte den Sicherheitsrat der UN auf, sich dringend mit der Lage zu befassen. Auch Indonesien betonte die Bedeutung des „Respekts für das Völkerrecht und die Grundsätze der Charta der Vereinten Nationen“. Ähnliche Erklärungen kamen auch von Japan, Indien, Südkorea, Malaysia, Pakistan, Thailand, Vietnam, Neuseeland und Australien.

Das chinesische Außenministerium hob ebenfalls die Verletzung der „venezolanischen Souveränität sowie die Bedrohung für Frieden und Sicherheit in Lateinamerika und der Karibik“ hervor und forderte zudem die Freilassung von Nicolás Maduro und seiner Ehefrau.

Der Iran verurteilte die US-Angriffe in einem schärferen Ton und wandte sich ebenfalls an die Vereinten Nationen. In vergleichbarem Ton verurteilte auch das Außenministerium Nordkoreas den Angriff der Vereinigten Staaten. Es kritisierte die US-amerikanische Hegemonialpolitik und rief die internationale Gemeinschaft dazu auf, die „katastrophale“ Situation in Venezuela zur Kenntnis zu nehmen sowie die „regelmäßigen Verletzungen der Souveränität anderer Länder“ durch die USA zu verurteilen.

Demgegenüber lobte der israelische Außenminister Gideon Sa’ar auf X:
„Israel preist die von Präsident Trump geführte Operation der Vereinigten Staaten. […] Israel steht an der Seite des freiheitsliebenden venezolanischen Volkes, das unter Maduros illegaler Tyrannei gelitten hat. Israel feiert die Entfernung des Diktators […].“
Auch Premierminister Benjamin Netanjahu erklärte, Israel unterstütze die Maßnahmen der Vereinigten Staaten in Venezuela.

In Europa stellten sich die meisten Länder hinter die Entscheidung, die dem Vorgehen der Vereinigten Staaten zugrunde lag. Dabei verwiesen sie auf die fehlende Legitimität der Regierung Maduro sowie auf die Notwendigkeit von Deeskalation und Dialog im Rahmen des Völkerrechts. Auf Nachfrage zu Maduro erklärte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj, die Vereinigten Staaten „wüssten jetzt, was zu tun sei“ – eine Anspielung auf den Umgang mit Diktatoren. Staaten wie Norwegen, Serbien, Slowenien und Spanien äußerten hingegen weitergehende Kritik an der US-Militäroperation und betonten, dass diese nicht mit dem internationalen Recht vereinbar sei.

Am anderen Ende des Spektrums verurteilten Belarus und Russland – in unterschiedlichem Tonfall – die US-Angriffe und bezeichneten sie als „direkte Bedrohungen“ für den internationalen Frieden und die internationale Sicherheit. Der slowakische Ministerpräsident Robert Fico kritisierte die US-Maßnahmen und die Vereinten Nationen scharf und betonte, dass „das Völkerrecht nicht angewandt wurde, militärische Gewalt ohne Zustimmung des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen eingesetzt wurde und die Großen und Mächtigen tun, was ihren Interessen dient …“.

In Nord- und Südamerika verurteilte Mexiko die US-amerikanische Militärintervention und wies sie zurück. Zugleich forderte es die Vereinigten Staaten auf, das Völkerrecht einzuhalten. Honduras schloss sich dieser Position an und bezeichnete die Festnahme Maduros als Entführung. Kuba verurteilte die „kriminelle Tat“ und bezeichnete sie als „Staatsterrorismus gegen das mutige venezolanische Volk und gegen unser Amerika“. Auch Nicaragua verurteilte die US-Intervention und brachte seine Unterstützung für Delcy Rodríguez zum Ausdruck.

Der argentinische Präsident Javier Milei schrieb: „Die Freiheit schreitet voran, es lebe die Freiheit, verdammt noch mal!“, und feierte damit die Festnahme Maduros und seiner Ehefrau. In Bolivien verwies Rodrigo Paz ebenfalls auf die Bedeutung der Freiheit und erklärte, „der einzige Ausweg für Venezuela sei der Respekt vor den Wahlen“. Der ecuadorianische Präsident Daniel Noboa erklärte: „Für alle narco-chavistischen Verbrecher ist die Zeit gekommen. Ihre Struktur auf dem Kontinent wird vollständig zusammenbrechen.“ Auch Paraguay und Peru feierten den Sturz Maduros.

Im Gegensatz dazu verurteilte der brasilianische Präsident Luiz Inácio Lula da Silva die Angriffe und die Festnahme Maduros und bezeichnete sie als „sehr ernst […] und als äußerst gefährliche Präzedenzfälle für die internationale Gemeinschaft“. Der chilenische Präsident Gabriel Boric kritisierte die Angriffe ebenfalls und rief zu einer friedlichen Lösung im Rahmen des Völkerrechts auf. Der gewählte Präsident Antonio Kast erklärte, die Festnahme Maduros sei „eine gute Nachricht für die Region“. Der kolumbianische Präsident Gustavo Petro wies ebenfalls die „Aggression gegen die Souveränität Venezuelas und Lateinamerikas“ zurück und rief zu einem Treffen bei den Vereinten Nationen und der OAS auf. Schließlich verurteilte auch das Außenministerium Uruguays die US-Intervention in Venezuela und forderte die Achtung der Charta der Vereinten Nationen.

Auch die Vereinten Nationen, die Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) und die Europäische Union gaben Erklärungen ab, in denen sie eine vorsichtigere Rhetorik wählten und die Achtung des Völkerrechts betonten.

Die Don-Roe-Doktrin und die Zukunft Venezuelas

In Teil I des Artikels wurde die Bedeutung Venezuelas in Bezug auf Öl, Biodiversität, Wasserressourcen, Seltene Erden und mehr dargelegt. Darauf aufbauend und wie bereits erwähnt, wurden die Angriffe auf angebliche Drogenschiffe und der Kampf gegen den Drogenhandel zu einem Vorwand, um die neue Donald-Trump-Monroe-Doktrin zu fördern („Don-roe-Doktrin / Monroe-Doktrin 2.0“). Im Dezember 2025 veröffentlichten die Vereinigten Staaten ihre neue Nationale Sicherheitsstrategie, in der die USA als alleiniger Akteur bzw. Hegemon in Nord- und Südamerika hervorgehoben werden und jede ausländische Präsenz außerhalb der Vereinigten Staaten als unerwünscht gilt.

Die Folgen der Anwendung dieser Doktrin waren unmittelbar – und es gibt noch mehr. Es betrifft nicht nur Venezuela: Die Trump-Regierung – insbesondere Außenminister Marco Rubio – hat bereits Kuba ins Visier genommen, zusätzlich dazu wiederholt die Möglichkeit militärischer Maßnahmen gegen den Drogenhandel in Mexiko und Kolumbien ins Spiel gebracht und sich in jüngster Zeit zudem in einen Streit mit Dänemark über das strategisch wichtige Grönland begeben.

Diskussion

Die Folgen dieser Ereignisse für Venezuela sind tiefgreifend. Erstens zeigt sich eine Legitimationskrise: Zwar hat Delcy Rodríguez das Präsidentenamt übernommen, doch auch Edmundo González hat Anspruch erhoben, was sowohl im In- als auch im Ausland zu Zweifeln führt. Hinzu kommen institutionelle Herausforderungen. Letztlich wurde lediglich die Spitze des Regimes entfernt; Maduros innerer Machtzirkel ist weiterhin im Amt. Unabhängig vom personellen Wechsel an der Spitze erscheint ein Übergang zu einem demokratischeren oder stabileren System unter den gegenwärtigen Bedingungen daher fern. Dies gilt ungeachtet der bestehenden sozialen Unzufriedenheit – einmal mehr behält das Regime die Kontrolle, sodass ein grundlegender Wandel kurzfristig unwahrscheinlich ist..

Was die US-amerikanische Seite betrifft, so hat die Trump-Regierung im Einklang mit ihrer Außenpolitik klargemacht, dass sie stets ihre nationalen Interessen über die aller anderen Staaten stellt. Das Beispiel ist eindeutig: Durch ihr einseitiges Handeln und die Missachtung des Völkerrechts haben die Vereinigten Staaten erneut die Souveränität eines Staates untergraben.

Die US-Regierung könnte ihr Vorgehen rechtlich rechtfertigen – Maduro wird in den Vereinigten Staaten des Drogenhandels und der Verschwörung beschuldigt –, aus Gründen der Gesundheit und Sicherheit – das venezolanische Regime begünstige den Drogenschmuggel in die USA – oder sogar aus geopolitischen Erwägungen – die Schwächung einer Regierung, die als mit rivalisierenden Mächten verbündet wahrgenommen wird und Interessen vertritt, die denen der Vereinigten Staaten entgegenstehen. Die Tragfähigkeit dieser Argumente bedarf jedoch einer sorgfältigen Prüfung. Zudem fehlte, wie Robert Fico betonte, sowohl eine Autorisierung durch den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen als auch durch den US-Kongress selbst, was den Einsatz nach Ansicht von Fachleuten völker- und verfassungsrechtlich rechtswidrig macht.

Letztlich bleibt die Debatte offen. Die Positionen der Staaten sind gespalten, und vor allem könnte dieses Vorgehen zu einem gefährlichen Präzedenzfall für die nationale Souveränität und das Handeln von Großmächten gegenüber unabhängigen Staaten werden. Hinzu kommen die möglichen regionalen Folgen: Das Machtgefüge in Lateinamerika wird verschoben und das Narrativ über den Einfluss der Vereinigten Staaten in der Region neu geprägt. Hinzu kommt die strategische Bedeutung des Öls und die Frage seiner langfristigen Kontrolle. Schließlich verschärft sich auch der globale Wettbewerb um Einflusszonen – eine Entwicklung, die insbesondere in Russland und China auf deutliche Ablehnung stößt.

Abschließend sind die Aussagen von Robert Fico sowie das folgende Zitat des mexikanischen Juristen José Mario de la Garza besonders aufschlussreich, um die Bedeutung des Völkerrechts und die Notwendigkeit einer regelbasierten Weltordnung zu verstehen – auch wenn möglicherweise Reformen erforderlich sind, um diese zu verbessern:

„Einen Diktator zu stürzen klingt moralisch richtig. Niemand trauert um einen Tyrannen. Doch das Völkerrecht wurde nicht geschaffen, um das Gute zu schützen, sondern um die Mächtigen zu zügeln. Deshalb verbietet es den Einsatz von Gewalt fast ausnahmslos: nicht, weil es die Gerechtigkeit ignoriert, sondern weil es weiß, dass die Welt zum Recht des Stärkeren zurückkehrt, wenn jedes Land selbst entscheidet, wen es mit Waffengewalt ‚befreien‘ will.“

Referenzen
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First published in: World & New World Journal
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