Wo liegt der “Osten” für Russland? Dies ist die zentrale Frage der “Ostorientierung”. In der gesamten russischen Geschichte hat die Debatte über Ost und West nie aufgehört, am deutlichsten verkörpert durch den Gegensatz zwischen Slawophilen und Westlern. Ihre Diskussion fand hauptsächlich im Rahmen des “Ost-West”-Problems statt.
Es wäre jedoch wahrscheinlich falsch, ihre Debatte durch die Linse des heutigen Verständnisses von Ost und West zu betrachten. Der “Osten”, wie ihn die Slawophilen verstanden, war nicht Asien im üblichen Sinne des Wortes – weder geografisch noch kulturell. Die Slawophilen forderten eine “Rückkehr nach Asien”, aber mit “Asien” meinten sie die slawische Zivilisation im Gegensatz zu Europa, mit anderen Worten, Russland selbst – und nicht die ostasiatische konfuzianische Zivilisation, die von China angeführt wurde. Sie argumentierten, dass Russlands Traditionen und Geschichte sich von denen Europas unterschieden und eigenständig seien und dass Russland seinen eigenen Weg gehen solle – einen slawischen, nicht einen asiatischen. Außerdem betrachteten die Slawophilen Russland nicht als Teil der asiatischen Zivilisation.
Die Ansichten der Slawophilen und der Westler über die Zugehörigkeit Russlands zu Europa sind diametral entgegengesetzt, aber in der Frage, ob Russland zu Asien gehört, stimmen ihre Meinungen überein: Keiner von beiden betrachtete Russland als Teil der asiatischen Zivilisation. Der Gegenstand ihrer Debatte ist also nicht die Wahl zwischen Europa und Asien, sondern die Wahl zwischen Europa und Russland. Im Zusammenhang mit ihrem Streit bezieht sich der “Osten” auf den asiatischen Teil Russlands und auf Russland selbst.
Der in den 1920er Jahren entstandene russische Eurasianismus geht davon aus, dass Russland sowohl europäische als auch asiatische Merkmale aufweist, aber weder Europa noch Asien ist. Stattdessen stellt es eine “geschlossene und vollständige geografische, wirtschaftliche und ethnische Einheit” [1] dar. Mit anderen Worten: Aus der Sicht der eurasischen Philosophie wurde Russland als eine einzigartige Zivilisation betrachtet – eine Vorstellung, die an slawophiles Denken anknüpft.
Nach dem Zusammenbruch der UdSSR entstand in Russland ein Neo-Eurasianismus, der verschiedene Strömungen umfasst. Im Gegensatz zum klassischen Eurasianismus geht der Neo-Eurasianismus über die theoretische Diskussion hinaus und hat eine praktische Ausrichtung. Als die ehemaligen Sowjetrepubliken ihre Unabhängigkeit erlangten, begann der Neo-Eurasianismus auch bestimmte politische und geopolitische Bedeutungen zu haben. Die Idee der Autarkie Eurasiens wurde vom klassischen Eurasianismus übernommen.
Weder der Slawophilismus, noch der Westernismus, noch der Eurasianismus wenden sich also tatsächlich an Asien. Der Westernismus ist von Natur aus nach außen gerichtet und befürwortet die Integration mit Europa. Slawophilismus und Eurasianismus sind nach innen gerichtet und fordern eine Rückkehr zu den eigenen Wurzeln.
Wie kam es dann zu der Hinwendung zum Osten, wenn sich keine dieser großen Strömungen auf Asien konzentrierte? Stellt dies nicht einen Widerspruch dar?
In der Tat, es gibt keinen Widerspruch. Der Kern der Debatte zwischen den russischen intellektuellen Traditionen betrifft die Merkmale der russischen Zivilisation und ihren Entwicklungsweg, während sich die Hinwendung zum Osten in erster Linie auf die Außenbeziehungen und die Außenpolitik bezieht. Im ersten Fall geht es um den geistigen Osten und Westen – oder den zivilisatorischen und kulturellen Osten und Westen. Im zweiten Fall geht es um Ost und West im Hinblick auf die internationalen Beziehungen, wo bestimmte Länder und Regionen wichtiger sind als die Zivilisationen, denen sie angehören.
Diese beiden Ebenen stehen nicht im Widerspruch zueinander: Die erste Ebene betont die zivilisatorische Position eines Landes, während die zweite Ebene die Ausrichtung seiner Außenpolitik betrifft.
Die zivilisatorische Position und die diplomatische Position sind nicht dasselbe. Die zivilisatorische Position eines Landes spiegelt sein Wertesystem und seine geistige Ausrichtung wider. Die diplomatische Position spiegelt die wichtigsten Aspekte der Außenpolitik eines Landes zu einem bestimmten Zeitpunkt wider. Der zivilisatorische Aspekt beeinflusst die Außenpolitik, aber er bestimmt nicht eine dauerhafte Verschiebung der außenpolitischen Prioritäten. Die offizielle Außenpolitik eines Landes wird nicht nur durch seine zivilisatorische Identität, sondern auch durch seine tatsächlichen politischen, wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Interessen geprägt. Der letzte Faktor spielt in einem komplexen internationalen Umfeld meist eine entscheidende Rolle.
Die zivilisatorische Position ist auch nicht unbedingt eng mit den zwischenstaatlichen Beziehungen verknüpft. Obwohl Russland zur europäischen Zivilisation gehört, bedeutet dies nicht, dass seine Beziehungen zu westlichen Ländern zwangsläufig besser oder schlechter sind als zu nicht-westlichen Ländern. In der Praxis unterhält Russland viele freundschaftliche Beziehungen zu nicht-westlichen Ländern, während es unter den westlichen Staaten nur sehr wenige Freunde hat.
Der historische Kontext von Russlands Schwenk nach Osten.
Die moderne Ausrichtung Russlands nach Osten ist nicht die erste in der Geschichte des Landes. Es sei darauf hingewiesen, dass sich die Bedeutung des Begriffs “Osten” in der Geschichte der russischen Außenpolitik von einer Epoche zur anderen gewandelt hat. In der Regel verstand man unter dem Osten Asien, das geografisch von Europa getrennt ist und sich kulturell von ihm unterscheidet. In verschiedenen Kontexten variiert die Bedeutung von “Osten” jedoch erheblich. In der Regel bezieht sich der Osten auf die asiatische Region, die Russland umgibt – nicht nur geografisch östlich des Landes (wie China und Ostasien), sondern auch in einem weiteren Sinne. Kulturell wurde der Osten als eine nichtchristliche Region wahrgenommen: das Osmanische Reich, der Kaukasus, das Qing-Reich und die zentralasiatischen Khanate – sie alle lagen außerhalb des christlichen Kulturkreises.
In der russischen Sprache gibt es eine beliebte Redewendung: “Der Osten ist eine heikle Angelegenheit.” Dieser Satz stammt von der Hauptfigur des sowjetischen Films Weiße Sonne der Wüste, dem Rotarmisten Fjodor Suchow. Sein Satz wurde zu einer bekannten Redewendung, die zur Beschreibung des Ostens verwendet wird. In diesem Zusammenhang bezieht sich “der Osten” auf Zentralasien, das in der russischen Mentalität der 1920er Jahre (d. h. der Zeit, in der der Film spielt) offenbar zum “Osten” gehörte. Zentralasien ist jedoch nicht Teil des aktuellen Konzepts der “Hinwendung zum Osten”.
Es wird oft behauptet, Russland habe sich schon oft dem Osten zugewandt, aber es besteht kein Konsens darüber, wann dies zum ersten Mal geschah. Schon während der Zarenzeit war der Osten eine wichtige Richtung der russischen Außenpolitik – das Osmanische Reich und der Kaukasus waren ein untrennbarer Teil dieses östlichen Vektors [2]. Nach dem 16. Jahrhundert konzentrierte sich Russland weiterhin auf den Osten, indem es Beziehungen mit dem Osmanischen Reich, dem chinesischen Qing-Reich, den zentralasiatischen Khanaten und anderen Ländern aufbaute. Kaiser Peter I. öffnete nicht nur “ein Fenster nach Europa”, sondern schenkte dem Osten auch große Aufmerksamkeit. Im Jahr 1716 ordnete er eine Militärexpedition nach Chiwa und Buchara an, die jedoch erfolglos blieb [3].
Vom späten 17. Jahrhundert an wurden in mehr als 200 Jahren zehn russisch-türkische Kriege geführt. Und obwohl das Osmanische Reich als Teil des Ostens betrachtet wurde, werden die Regionen, in denen die Kriege ausgetragen wurden – der Kaukasus, die untere Wolga, die Krim, die Westukraine, Moldawien, Bessarabien, Istanbul und der Balkan – heute in der Regel als Teil des Westens angesehen. Diese warmen, fruchtbaren Regionen in der Nähe Europas können nicht als Osten im eigentlichen Sinne des Wortes bezeichnet werden. Dies war in der Tat eine wichtige Wende in der russischen Außenpolitik, aber es war keine Hinwendung zum Osten – es war eher eine Hinwendung vom Norden zum Süden.
Seit dem Mittelalter exportierte das Großfürstentum Moskau Pelze und Holz über die Ostsee in den Norden. Dies allein reichte jedoch nicht aus, und Russland erkannte, dass es, um ein mächtiger Staat zu werden, nach Süden blicken und sich Zugang zum Schwarzen Meer verschaffen musste. Die Entwicklung dieser südlichen Außenpolitik erreichte ihren Höhepunkt während der Regierungszeit Katharinas II. (1762-1796) und dauerte bis zum Beginn des Krimkriegs (1853-1856) [4].
Einige Forscher sind der Ansicht, dass die erste wirkliche Hinwendung Russlands zum Osten im späten 19. Jahrhundert begann und eng mit dem Namen des Grafen Sergej Witte verbunden ist. Während der Regierungszeit der Zaren Alexander III. (1881-1894) und Nikolaus II. (1894-1917) bekleidete Witte mehrere hochrangige Positionen in der Regierung: Verkehrsminister, Finanzminister, Vorsitzender des Ministerrats und Vorsitzender des Ministerkomitees. Dank Wittes Bemühungen wurde die Hinwendung zum Osten als Wirtschafts-, Handels-, Investitions- und Verkehrslogistikstrategie formalisiert. Er unterstützte die Idee des Baus der Transsibirischen Eisenbahn; unter ihm wurde der Bau der Chinesischen Osteisenbahn, die vom Nordosten Chinas bis nach Wladiwostok führt, geplant und vollendet; im Zusammenhang mit diesem Projekt wurde die Russisch-Chinesische Bank gegründet. Obwohl Wittes Pläne nicht vollständig verwirklicht wurden, war er der erste, der eine klare Oststrategie vorschlug.
Einige Wissenschaftler sind der Ansicht, dass Russland bis zum Ende des 19. Jahrhunderts keine klar formulierte Strategie gegenüber Asien besaß. Viele bedeutende russische Aktionen in Zentralasien und im Fernen Osten wurden nicht von oben gelenkt, sondern unabhängig vor Ort durchgeführt. Wenn diese expansionistischen Aktionen erfolgreich waren, wurden sie von der kaiserlichen Regierung nicht nur anerkannt, sondern auch akzeptiert. So wurde beispielsweise im Vertrag von Nertschinsk (1689) zwischen Russland und China festgelegt, dass das Flussgebiet des Amur (chinesisch Heilongjiang) zu China gehört. Schon vor dem Krimkrieg waren russische Truppen in diesem Gebiet präsent, übernahmen die Kontrolle über Siedlungen und errichteten Vorposten. Obwohl sich die kaiserlichen Behörden darüber im Klaren waren, dass dies gegen den bilateralen Vertrag verstieß und in chinesisches Hoheitsgebiet eindrang, erklärte Kaiser Nikolaus I. (1825-1855) bekanntermaßen: “Eine russische Flagge, die einmal gehisst wurde, darf nie wieder gesenkt werden.” [5]
Es gibt auch die Meinung, dass Russlands erster Schwenk nach Osten in den Anfangsjahren der Sowjetunion stattfand und sich in der Außenpolitik des Volkskommissars für Auswärtige Angelegenheiten Georgi Tschicherin widerspiegelte.
Der Autor ist davon überzeugt, dass die erste Ausrichtung Russlands nach Osten – im modernen Sinne des Wortes – nach dem Ende des Krimkriegs erfolgte und bis zum Russisch-Japanischen Krieg (1904-1905) andauerte. Die von Sergej Witte vorgeschlagene Oststrategie entstand genau in diesem Zeitraum [6].
Der Hauptinhalt dieser ersten Ausrichtung nach Osten war die territoriale Expansion und Kolonisierung des Ostens, während wirtschaftliche Interessen eine untergeordnete Rolle spielten. Zentralasien, der Ferne Osten und der Kaukasus waren die Hauptrichtungen. Infolgedessen übernahm Russland die Kontrolle über den Kaukasus im Westen, eroberte ganz Zentralasien im Süden und dehnte seinen Einfluss im Osten bis zur Pazifikküste aus.
Russland war bereits zu Beginn des 18. Jahrhunderts in Zentralasien präsent und war zur Zeit des Krimkriegs tiefer in die Region vorgedrungen – so wurde beispielsweise 1854-1855 von russischen Truppen die Festung Vernoye errichtet, die zur Grundlage für die Stadt Verny (das heutige Almaty) wurde. Nach dem Krimkrieg wurde eine Strategie des Vorstoßes nach Süden verfolgt, um einen möglichen Krieg mit Großbritannien in Zentralasien zu verhindern. Diese Strategie beinhaltete die Einverleibung von Teilen Zentralasiens, die Eroberung Turkestans und der zentralasiatischen Steppen sowie die Annäherung an die Grenzen Afghanistans. Mit der Ausarbeitung dieser Strategie beauftragte der Kaiser Oberst N.P. Ignatiev [7].
Während Russlands Vormarsch in Zentralasien wurden Expansion und Kolonisierung zum Selbstzweck, während das Ziel, Großbritannien einzudämmen, in den Hintergrund trat. Ab 1858 wurde Turkestan unter dem Kommando von General M.G. Tscherniajew – den die Presse als “Jermak des 19. Jahrhunderts” bezeichnete – annektiert, und die Städte Chimkent, Semipalatinsk, Taschkent und andere wurden erobert. 1867 wurde das Gouverneursamt von Turkestan eingerichtet, das von K.P. Kaufman geleitet wurde, der zuvor als Generalgouverneur von Wilna fungiert hatte. In den folgenden Jahren kamen das Emirat Buchara sowie die Khanate Chiwa und Kokand unter Kaufmans Kontrolle. Zu diesem Zeitpunkt waren die russischen Eroberungen und die Kolonisierung Zentralasiens praktisch abgeschlossen.
China wurde zum wichtigsten Ziel dieser Welle des “Schwenk nach Osten”. Einige Jahre nach dem Krimkrieg nutzte Russland die Situation, in der Peking von britischen und französischen Truppen besetzt war und die inneren Unruhen zunahmen, und zwang die Qing-Regierung, eine Reihe von Verträgen zu unterzeichnen. Infolgedessen verlor China über 1,5 Millionen Quadratkilometer Land im Nordosten und Nordwesten des Landes. Verantwortlich dafür war der Gesandte des Russischen Reiches in China, N.P. Ignatiev.
Russlands Vormarsch nach Osten war damit noch nicht beendet. Es überquerte den Amur, drang in den Nordosten Chinas ein und versuchte, die gesamte Mandschurei zu annektieren, indem es die Idee des “Gelben Russlands” [8] verwirklichte und dieses Gebiet in ein zweites Buchara [9] verwandelte. Diese Idee scheiterte letztlich, vor allem weil die Großmächte in Streitigkeiten und Konflikte über die Aufteilung der Einflusssphären in China gerieten. 1896 unterzeichneten das Russische Reich und die Qing-Regierung einen Bündnisvertrag (den Aigun-Vertrag), der eine Klausel über gemeinsame militärische Aktionen gegen Japan enthielt, falls dieses eine der beiden Seiten oder Korea angreifen sollte. Der Vertrag räumte Russland auch das Recht ein, eine Eisenbahnlinie durch nordostchinesisches Gebiet zu bauen – nominell für den Truppentransport in Kriegszeiten, aber in Wirklichkeit wurde sie zu einem Instrument zur Umsetzung der Idee des Gelben Russlands.
1897 besetzte Deutschland den Hafen von Qingdao. Die Qing-Regierung wandte sich an Russland um Hilfe. Das Russische Reich lehnte dies mit dem Hinweis auf seine Verpflichtung ab, nur im Falle eines japanischen Angriffs zu helfen, und nutzte stattdessen die Gelegenheit, die Qing zur Abtretung von Port Arthur (Lüshun) zu zwingen. Im Jahr 1900 trat Russland der Acht-Nationen-Allianz bei und entsandte Truppen nach China, was im Grunde eine Kriegshandlung war. Russland besetzte den gesamten Nordosten Chinas und führte in den 64 Dörfern von Jiangdong “zahlreiche Säuberungen” an der chinesischen Bevölkerung durch. Der Russisch-Japanische Krieg brach 1904-1905 aufgrund der Rivalität zwischen Russland und Japan um die Mandschurei und Korea aus. Der Hauptschauplatz der militärischen Operationen war der Nordosten Chinas. Nach dem Krieg unterstützte Russland die Unabhängigkeit der Äußeren Mongolei, was dazu führte, dass China die Kontrolle über dieses Gebiet verlor.
Es liegt auf der Hand, dass Russland und China die Geschichte ihrer bilateralen Beziehungen – und ihre Schlüsselfiguren – auf sehr unterschiedliche, ja sogar gegensätzliche Weise betrachten. Im historischen Bewusstsein des chinesischen Volkes werden die russisch-chinesischen Beziehungen jener Zeit als Teil des “Jahrhunderts der Demütigung” gesehen, dass China Leid brachte und tiefe Wunden in den Herzen des chinesischen Volkes hinterließ. Die komplexe Geschichte der russisch-chinesischen Beziehungen umfasst sowohl dunkle Seiten als auch Zeiten der Freundschaft und gegenseitigen Hilfe – insbesondere die militärische Unterstützung der Sowjetunion während des Krieges gegen Japan (1938-1945) und die umfangreiche Hilfe nach der Gründung der Volksrepublik China (1949). Auch diese Seiten haben einen bleibenden Platz im historischen Gedächtnis Chinas. In dem knappen halben Jahrhundert, das seit Russlands erstem Schwenk nach Osten vergangen ist, erreichte die russische Expansion in dieser Richtung ihren Höhepunkt, was zu enormen Gebietsgewinnen führte und die natürlichen Grenzen der Expansion im Fernen Osten und in Zentralasien erreichte. Dieser Prozess gipfelte in der Bildung der Ostgrenzen des Russischen Reiches, die bis zur Auflösung der UdSSR im Jahr 1991 bestehen blieben.
Moderne Hinwendung zum Osten
Russlands Hinwendung zum Osten hat heute einen anderen Inhalt und Charakter. Sie wird oft mit der 2014 ausgebrochenen Ukraine-Krise und dem Konflikt mit dem Westen in Verbindung gebracht. Daran ist zwar etwas Wahres dran, aber nicht ganz. Die Verlagerung wurde durch eine Reihe von Faktoren vorangetrieben: erstens durch die Verlagerung des globalen politischen und wirtschaftlichen Zentrums in den asiatisch-pazifischen Raum, zweitens durch Russlands Notwendigkeit, Sibirien und den Fernen Osten zu entwickeln, und drittens durch den Einfluss der internationalen Lage.
Zu Beginn des 21. Jahrhunderts wurde der asiatisch-pazifische Raum zur Heimat vieler Wirtschaftsmächte mit wachsendem politischen und wirtschaftlichen Einfluss. Dies zog die Aufmerksamkeit Russlands auf sich und veranlasste es, engere Beziehungen zu den Ländern des asiatisch-pazifischen Raums zu knüpfen und seine Position in der Region zu stärken. Dieser Grund wurde vom russischen Präsidenten Wladimir Putin wiederholt genannt.
Die Entwicklung Sibiriens und des Fernen Ostens ist ein wesentlicher Bestandteil der Politik der “Hinwendung zum Osten”. Alle Maßnahmen in dieser Richtung zielen auf dieses Ziel ab. Als Putin 2012 die Strategie der “Wende nach Osten” vorstellte, nannte er als Ziel die Entwicklung Sibiriens und des Fernen Ostens. Diese Regionen sind reich an natürlichen Ressourcen, die schon seit der Zarenzeit begehrt sind. Dies ist nicht nur für die Regionen selbst, sondern für den gesamten russischen Staat von Bedeutung. Russland ist sich des Potenzials dieser Regionen bewusst und glaubt, dass sie eine Quelle des Wohlstands sein werden und den Wohlstand des Landes im 21. In diesem Zusammenhang hat Wladimir Putin die Entwicklung des Fernen Ostens zu einer Priorität für das gesamte 21. Auf dem IX. Östlichen Wirtschaftsforum im September 2024 betonte er erneut, wie wichtig die Entwicklung Sibiriens und des Fernen Ostens sei und dass die Zukunft Russlands weitgehend davon abhänge.
Es besteht ein Entwicklungsgefälle zwischen dem westlichen und dem östlichen Teil Russlands. Eine sichtbare sozioökonomische Kluft verursacht Probleme sowohl für die Wirtschaft als auch für die nationale Sicherheit. Sibirien und der Ferne Osten sind riesig und reich an Ressourcen, aber dünn besiedelt und wirtschaftlich unterentwickelt, mit veralteter Infrastruktur und Bevölkerungsrückgang. Diese Regionen grenzen an China, Japan und Südkorea – wirtschaftlich stärkere, dicht besiedelte Länder mit hohem Ressourcenbedarf. Russland ist der Ansicht, dass ohne die Entwicklung Sibiriens und des Fernen Ostens die wirtschaftliche und soziale Kluft zwischen dem Westen und dem Osten des Landes wachsen und die Bevölkerung in den östlichen Regionen schrumpfen wird. Diese Tendenzen könnten später die regionalen Ungleichgewichte vertiefen und die Attraktivität dieser Gebiete für die Bewohner verringern, wodurch der Einfluss des politischen Zentrums geschwächt würde, und die Gefahr eines Kontrollverlusts bestünde.
Die Ukraine-Krise spielte eine wichtige Rolle bei der geopolitischen und territorialen Neuausrichtung Russlands. Alle früheren Wenden nach Osten erfolgten nach Rückschlägen in Richtung Europa. Die Wende in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erfolgte nach der Niederlage im Krimkrieg, und auch die frühe sowjetische Ostentwicklung begann aufgrund der schwierigen Beziehungen zum Westen. Als die europäischen Mächte nach Osten zogen, wandte sich Russland, das seine Chancen im Westen verlor, dem schwächeren Osten zu, den es leichter beherrschen konnte. Auf diese Weise konnte es sich dem Druck Europas entziehen und im Osten gewinnen, um die Verluste im Westen auszugleichen.
Die Ukraine-Krise wurde zum schwersten Konflikt zwischen Russland und dem Westen seit dem Ende des Kalten Krieges. Sie veränderte ihre Beziehungen grundlegend. Der Westen verhängte nach Beginn des Konflikts strenge und weitreichende Sanktionen gegen Russland und kappte fast alle politischen, wirtschaftlichen, finanziellen, technologischen, verkehrstechnischen, kulturellen, sportlichen, bildungspolitischen und humanitären Beziehungen – etwas, das es in den russisch-europäischen Beziehungen noch nie gegeben hatte. Selbst während des Krimkriegs hat Europa die wirtschaftlichen Beziehungen zu Russland nicht vollständig abgebrochen; der Handel wurde über neutrale Länder fortgesetzt. Jetzt trennt eine Mauer Russland vom Westen und teilt Europa in zwei Hälften, wobei sich fast alle europäischen Länder auf der anderen Seite befinden. Der Schatten eines Krieges droht nun zwischen Russland und dem Westen. Russland begann, sich auf den Osten zu konzentrieren, um die politische Blockade des Westens zu durchbrechen und verlorene Märkte und Ressourcen in Europa zu ersetzen. Dies hat die Hinwendung zum Osten jedoch nur beschleunigt, nicht aber verursacht, da diese Politik bereits vor der Ukraine-Krise begann.
Die Wende nach Osten wird in akademischen Kreisen seit langem sowohl als wissenschaftliches Konzept als auch als politische Strategie entwickelt. Einem Standpunkt zufolge war Jewgeni Primakow der Initiator dieser Idee: 1996 schlug er in seiner Zeit als Außenminister ein entsprechendes Konzept vor. Im Jahr 2012 veröffentlichte der Valdai International Discussion Club einen analytischen Bericht mit dem Titel “Toward the Great Ocean, or the New Globalization of Russia” (Auf dem Weg zum großen Ozean oder die neue Globalisierung Russlands), in dem die Idee einer Entwicklung Russlands in Richtung der asiatisch-pazifischen Region propagiert wurde.
Die Autoren dieser Studie – Professor S.A. Karaganov und T.V. Bordachev – gehören zu den aktivsten Befürwortern der Hinwendung zum Osten und veröffentlichten später eine Reihe von Berichten und Artikeln zu diesem Thema, um die öffentliche Meinung entsprechend zu beeinflussen. Professor A.V. Lukin, ein führender russischer China-Experte, veröffentlichte 2014 ebenfalls ein Werk zum Thema Ost-West-Wende.
Viele andere russische Forscher haben eine Vielzahl von Artikeln zu diesem Thema verfasst.
Die staatliche Politik der “Wende nach Osten” wurde später vorgeschlagen als das Konzept selbst, aber auch vor dem Beginn der Ukraine-Krise. Die Idee der “Wende nach Osten” kam während der Präsidentschaft von Dmitri Medwedew (2008-2012) auf. In seiner Rede vor der Föderalversammlung im Jahr 2010 erklärte er, dass Russland vor der Aufgabe stehe, sich in den asiatisch-pazifischen Wirtschaftsraum zu integrieren, und dass der Ausbau der Beziehungen zu den Ländern der Region strategische Bedeutung erhalte. Nach der Rückkehr Wladimir Putins ins Präsidentenamt im Jahr 2012 nahm die Strategie der “Hinwendung zum Osten” ihre endgültige Form an. Wie bereits erwähnt, begann die Entwicklung dieser Richtung im Jahr 2012, und in seiner Rede vor der Föderalen Versammlung im Jahr 2013 verwendete Präsident Putin die Formulierung “Russlands Hinwendung zum Pazifik”, was im Wesentlichen dasselbe bedeutet wie die Hinwendung zum Osten.
Zu verschiedenen Zeiten hatte der Begriff “Wende nach Osten” unterschiedliche Bedeutungen in Bezug auf Ziele und Ausrichtung. Selbst innerhalb desselben Zeitraums änderte sich sein Inhalt und wurde je nach den Umständen ergänzt.
In der russischen Außenpolitik wurde die Hinwendung zum Osten zunächst als Ergänzung zur eurozentrischen Ausrichtung gesehen. Ihre Hauptfunktion bestand darin, die Abhängigkeit von Europa zu verringern, ohne die Struktur der eurozentrischen Außenpolitik zu verändern. Bis zur Präsidentschaft von Medwedew war dies der ideologische Inhalt der Wende. Später wurde der östliche Vektor in der russischen Außenpolitik ebenso wichtig wie der europäische, wobei eine symmetrische Entwicklung angestrebt wurde. Nach 2012 wurde das Gleichgewicht zwischen der östlichen und der westlichen Richtung zur zentralen Idee der Wende nach Osten. Mit dem Ausbruch des Russland-Ukraine-Konflikts im Jahr 2022 wurde die ideologische Bedeutung der Wende erneut angepasst. Da der Weg nach Westen blockiert war, wurde die Wende nach Osten (einschließlich des globalen Südens) zur einzigen Option. In diesem Zusammenhang begann sie, das Gravitationszentrum und die Unterstützung für Russlands Außenpolitik darzustellen. Die Hinwendung zum Osten stellte nicht mehr nur ein Gleichgewicht zwischen der europäischen und der asiatischen Richtung dar – sie wurde zur Hauptrichtung der Außenpolitik, während Europa, zumindest vorläufig, zweitrangig wurde.
In russischen akademischen Kreisen gibt es jedoch auch absolutistischere Ansichten zu diesem Thema. Einige glauben, dass mit dem Beginn des Russland-Ukraine-Konflikts die 300-jährige Reise Russlands durch Europa, die mit Peter dem Großen begann, zu Ende ging. Das “Fenster nach Europa” schloss sich für lange Zeit, und Russland “kehrte nach Hause zurück” – in den Osten. Diese Schlussfolgerung zog vor anderthalb Jahrhunderten der große Schriftsteller Fjodor Dostojewski: Im 19. Jahrhundert vertrat er die Ansicht, dass Russland seinen historischen Weg in Europa abgeschlossen habe und seinen eigenen Weg gehen sollte.
Erinnern wir uns aber daran, dass in den ersten postsowjetischen Jahren der Westernismus äußerst populär war und Russland sich, ohne zu zögern in die Arme des Westens stürzte (hier versteht der Autor unter “Westernismus” eher die Bewunderung für den Westen). Nach den Anschlägen vom 11. September erwärmten sich die russisch-amerikanischen Beziehungen rasch, und es wurden optimistische Prognosen geäußert: Die russische Gesellschaft hatte ihren Weg gewählt – den europäischen, und die Entspannung der Beziehungen zu den USA schlug “den letzten Nagel in den Sarg” der eurasischen Werte. Dieses Szenario hat sich eindeutig nicht bewahrheitet. Die Zeit wird zeigen, ob sich die Vorhersagen über eine endgültige Trennung zwischen Russland und Europa bewahrheiten werden. Betrachtet man jedoch die historischen Ereignisse, erscheint dies unwahrscheinlich.
Nach dem Sieg Russlands im Großen Nordischen Krieg (1700-1721) wurde das Land zu einer Großmacht und beteiligte sich fortan aktiv an den europäischen Angelegenheiten, mal als Partner der europäischen Staaten, mal als Gegner, aber immer untrennbar mit Europa verbunden.
Aufgrund dieser kulturellen Barriere kann Russland weder ein europäisches noch ein asiatisches Land werden. Um wirklich ein Teil Asiens zu werden, muss Russland sein Verständnis von Asien vollständig und objektiv überdenken.Die derzeitige Konfrontation mit Europa ist eine Folge des Russland-Ukraine-Konflikts und der Sanktionen. Es ist nicht zu erwarten, dass sie zur Norm in Russlands Außenpolitik wird, da sie nicht mit den Mustern der internationalen Politik und Wirtschaft übereinstimmt. Die derzeitige Situation ist auf einen politischen Konflikt zurückzuführen, nicht auf einen Verlust der Bedeutung Europas für Russland. Europa ist für Moskau in politischer, wirtschaftlicher und sicherheitspolitischer Hinsicht nach wie vor von Bedeutung. Russland und Europa bleiben durch Geografie, Kultur und Religion miteinander verbunden. Präsident Wladimir Putin hat erklärt, dass Russland nach wie vor ein Teil der europäischen Zivilisation und Europa ein wichtiger Akteur ist – ein Abbruch der Beziehungen wäre politisch unklug, wirtschaftlich unerwünscht und aus sicherheitspolitischer Sicht unmöglich.
Die Beziehungen zwischen Russland und Europa mögen verschiedene Phasen durchlaufen, aber Russland ist ein europäisches Land und kann Europa nicht ignorieren oder die Entwicklung seiner europäischen Ausrichtung aufgeben. Wenn es die Möglichkeit dazu hat, wird es zu ihr zurückkehren. Russische Wissenschaftler argumentieren, dass sowohl Europa als auch Asien Schlüsselrichtungen in der Außenpolitik des Landes sind. Russland hat sich beiden Regionen stets auf der Grundlage der Notwendigkeit einer multisektoralen Außenpolitik und einer diversifizierten wirtschaftlichen Zusammenarbeit mit seinen externen Partnern genähert.
Es ist absehbar, dass auf das Ende des Russland-Ukraine-Konflikts und die Aufhebung der westlichen Sanktionen eine schrittweise Normalisierung der Beziehungen folgen wird. Danach werden sich die Geschäftsbeziehungen zwischen Russland und Europa allmählich erholen, auch wenn dieser Prozess lange dauern kann und die Beziehungen möglicherweise nicht wieder den Zustand von vor dem Konflikt erreichen. Wie die Geschichte zeigt, kehrt Russland, wenn es sich zu sehr in eine Richtung – West oder Ost – bewegt, schließlich in die andere Richtung zurück.
Der Erfolg oder Misserfolg der Hinwendung zum Osten kann nur an den Zielen gemessen werden, die es sich selbst setzt. Sie ist nicht mehr nur ein außenpolitisches und wirtschaftliches Konzept, sondern eine umfassende nationale Entwicklungsstrategie. Dementsprechend ist ihr Erfolg zu bewerten. Dabei lassen sich drei Schlüsselkriterien ausmachen: die sozioökonomische Entwicklung des Fernen Ostens und Sibiriens, der Grad der Integration Russlands in die asiatisch-pazifische Wirtschaft und die Stärkung der diskursiven Macht Russlands im asiatisch-pazifischen Raum. Fortschritte in allen drei Bereichen deuten auf Erfolg hin, Rückschläge hingegen auf Stagnation oder Rückschritt. Diese Indikatoren müssen auf der Grundlage langfristiger Daten bewertet werden – kurzfristige Ergebnisse zeigen nur vorübergehende Trends und reichen nicht aus, um die Gesamtwirksamkeit der Strategie zu beurteilen.
Die Hinwendung zum Osten ist ein langer Prozess, der unweigerlich von Schwierigkeiten und Rückschlägen begleitet wird. Die russische Geschichte zeigt, dass jeder außenpolitische Richtungswechsel Jahrzehnte gedauert und viele Höhen und Tiefen, manchmal sogar Misserfolge, mit sich gebracht hat. Doch Russland hat sich immer wieder aufgerappelt und bei der Verfolgung langfristiger Ziele Standhaftigkeit bewiesen. In der Welt von heute vollzieht sich die Entwicklung in einem schnelleren Tempo. Die Vollendung der Wende nach Osten kann nicht mehr hundert Jahre warten, aber der Strukturwandel wird noch mindestens zehn Jahre dauern, und der Erfolg ist nicht garantiert. In den letzten zehn Jahren wurde viel erreicht, aber es gibt noch viele Herausforderungen – die meisten davon in Russland selbst.
Das Verständnis des Ostens hat eine nicht greifbare, aber wichtige Bedeutung. In den Köpfen der Russen, insbesondere der Westler, sind der Osten und der Westen Gegensätze. Der Westen symbolisiert Zivilisation und Fortschritt, während Asien als barbarisch und rückständig angesehen wird. Das Wort “Asiatschina” hat im Russischen eine negative Konnotation, die mit kultureller Rückständigkeit, Grobheit und mangelnder Höflichkeit verbunden ist. Europa hingegen wird positiv gesehen – zum Beispiel von Wissarion Belinskij: “Alles Große, Edle, Menschliche und Geistige ist auf europäischem Boden entstanden, gewachsen, gediehen und hat luxuriöse Früchte getragen.” Diese Sichtweise besteht bis zu einem gewissen Grad immer noch und bildet in Russland traditionell ein kulturelles Vorurteil, insbesondere gegenüber dem modernen Asien.
Die Effizienz der russischen Regierungsbehörden ist äußerst wichtig, und die der lokalen Regierungen ist es noch mehr. Staatliche Institutionen auf allen Ebenen sind der Schlüssel zur Umsetzung der Oststrategie. Der Enthusiasmus und die Effizienz der lokalen Beamten spielen eine große Rolle für den Erfolg der Strategie. Bürokratie und Apathie können selbst die vielversprechendsten Programme zunichtemachen, während schwache Regierungsführung und Korruption jede erfolgreiche Politik zunichtemachen können.
Die Suche nach einem rationalen und wirksamen Modell für die Entwicklung Sibiriens und des Fernen Ostens ist eine schwierige Aufgabe. Die Situation in diesen Regionen ist einzigartig. Chinesische, japanische und koreanische Modelle passen nicht zu den russischen Bedingungen. Die Weltwirtschaft befindet sich im Umbruch, und Russland muss sich anpassen, seine Stärken nutzen und seinen eigenen Entwicklungsweg einschlagen.
Die innere Hinwendung zum Osten erfordert eine innovative Entwicklung. Es ist keine einfache Aufgabe, den Wohlstand Sibiriens und des Fernen Ostens zu sichern, wenn man den Reichtum an natürlichen Ressourcen, die unterentwickelte Infrastruktur, den Arbeitskräftemangel, die begrenzten Märkte und die kleine verarbeitende und wissenschaftliche Industrie berücksichtigt. Wladiwostok – die Hauptstadt des Föderalen Bezirks Fernost – muss erhebliche Anstrengungen unternehmen, um sich von Tokio, Shanghai, Hongkong und anderen regionalen und globalen Finanz-, Technologie-, Innovations- und Logistikzentren abzuheben. Sieht man vom Energie- und Verteidigungssektor ab, wird es für Russland schwierig sein, sich eine Nische auf dem asiatisch-pazifischen Markt zu erobern, der bereits eine stabile Struktur, eine gut definierte Arbeitsteilung und einen starken Wettbewerb aufweist. Um erfolgreich in den asiatisch-pazifischen Markt einzutreten, wird Russland eine außerordentliche Wettbewerbsfähigkeit unter Beweis stellen müssen.
Die Anziehung ausländischer Investitionen ist ein wichtiges Instrument für die Entwicklung Sibiriens und des Fernen Ostens. Ihre Anwendung erfordert jedoch eine größere Offenheit gegenüber der Außenwelt, ein günstiges Investitionsklima, verlässliche rechtliche Garantien, geeignete politische Maßnahmen, eine rationale Steuerpolitik, effiziente Zollverfahren, eine pragmatische Arbeitspolitik und eine Mentalität, die ausländischem Kapital positiv gegenübersteht. Die staatliche Politik muss kohärent und koordiniert sein, und auch das Bewusstsein der Geschäftswelt [Bevölkerung – Anm. d. Übersetzers] für die marktwirtschaftlichen Regeln der wirtschaftlichen Zusammenarbeit muss gestärkt werden.
Die Ukraine-Krise trug zur Wende nach Osten bei, brachte aber gleichzeitig unvorhergesehene Herausforderungen für deren Umsetzung mit sich. Infolge der harten politischen und wirtschaftlichen Sanktionen des Westens wurden die Möglichkeiten für ausländische Investitionen stark eingeschränkt. Nicht nur westliche Investitionskanäle wurden blockiert, sondern auch Investitionen aus anderen Ländern sind stark eingeschränkt worden. Die wissenschaftliche und technologische Zusammenarbeit mit vielen Ländern kann aufgrund der drohenden westlichen Sanktionen nicht stattfinden. Auch der bilaterale Handel unterliegt Beschränkungen, und es gibt ernsthafte Schwierigkeiten und Probleme bei der Abwicklung von Finanzgeschäften.
Die Veränderungen in der globalen geopolitischen und geoökonomischen Landschaft nach dem Ausbruch des Russland-Ukraine-Konflikts haben das ursprüngliche Konzept der “Wende nach Osten” beeinflusst. Erstens hat die Ukraine-Krise den geografischen Geltungsbereich dieses Prozesses eingeengt. Die großen asiatischen Wirtschafts- und Technologiemächte – Japan und Südkorea – spielten eine wichtige Rolle bei der Hinwendung zum Osten, verhängten aber nach den USA Sanktionen gegen Russland und setzten die Handelskooperation aus. Infolgedessen werden Japan und Südkorea nicht mehr als Teil der Ostwende betrachtet, was die Strategie vor neue Herausforderungen stellt.
Zweitens musste der Umfang einiger wichtiger Projekte im Zusammenhang mit der Wende verringert werden. Dies gilt beispielsweise für den Ausbau der nördlichen Seeroute. Die Nördliche Seeroute ist ein Schlüsselprojekt im Zusammenhang mit der Wende nach Osten: Sie ist eine Verkehrsader, die Ostasien und Europa verbindet. Sie ist viel kürzer als der Seeweg von Ostasien nach Europa über den Indischen Ozean (Suezkanal), was deutlich niedrigere Transportkosten und kürzere Lieferzeiten ermöglicht. Mit der Beschleunigung der globalen Erwärmung wird die Zeitspanne, in der der Arktische Ozean ohne Eisbrecher befahren werden kann, voraussichtlich zunehmen. Die Fertigstellung der Verkehrsinfrastruktur entlang des Nördlichen Seewegs würde das System der internationalen Schifffahrt verändern, Russland wirtschaftliche Vorteile bringen und seine geopolitische und geoökonomische Bedeutung erhöhen. Nach dem Ausbruch des Russland-Ukraine-Konflikts wurden jedoch durch die europäischen Sanktionen gegen Russland die Transportrouten nach Europa blockiert, wodurch das Funktionieren dieses Korridors in Frage gestellt wurde. Jetzt wird nur noch bis Murmansk transportiert, was den russisch-chinesischen Handel unterstützt, aber auf europäischer Seite zu Schwierigkeiten führt. Außerdem wirken sich die Sanktionen auf den Bau von Infrastrukturen und Eisbrecherschiffen aus. Trotzdem bleibt der Wert der Nördlichen Seeroute als neuer eurasischer Schifffahrtskorridor langfristig erhalten, auch wenn die Wiederherstellung dieser Funktion erst nach einer Verbesserung der russisch-europäischen Beziehungen erwartet werden sollte.
China im Kontext der Ost-West-Wende
Russlands Hinwendung zum Osten bedeutet nicht nur eine Hinwendung zu China – die Strategie umfasst auch andere asiatisch-pazifische Länder wie Indien, Vietnam und südostasiatische Staaten. Japan und Südkorea werden aufgrund von Sanktionen vorübergehend nicht berücksichtigt. Russland ist bestrebt, seine Beziehungen in Asien zu diversifizieren und gleichzeitig ein sorgfältiges Gleichgewicht mit China herzustellen, das in der gegenwärtigen Weltordnung eine wichtige Rolle spielt. Die Hinwendung zum Osten hat kein emotionales Gewicht; sie ist eine staatliche Strategie, die auf nationalen Interessen und Bedürfnissen beruht und nicht von Zuneigung zu Asien oder China angetrieben wird. Einige Meinungen – ob absichtlich oder nicht – setzen die Wende mit der Freundschaft zu China gleich, was eine emotionale Interpretation ist, auch wenn es stimmt, dass freundschaftliche Beziehungen zur Stärkung der Zusammenarbeit zwischen Russland und China beitragen.
Nichtsdestotrotz ist China zweifelsohne die Hauptrichtung von Russlands Hinwendung zum Osten. China ist die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt, nach den USA die zweitgrößte im Hinblick auf das nominale BIP. Es ist ein strategischer Partner Russlands und der größte Exporteur der Welt. Die Grenzregionen zwischen den beiden Ländern erfordern eine verstärkte wirtschaftliche Zusammenarbeit. Aufgrund all dieser Faktoren nimmt China eine zentrale Stellung in Russlands Oststrategie ein.
Chinas Budget ist zwar viel kleiner als das der USA (877 Milliarden Dollar), übertrifft das russische aber immer noch um mehr als das Dreifache. Seit Beginn des Russland-Ukraine-Konflikts ist der russische Militärhaushalt jährlich gestiegen, vor allem, um den Bedarf für die militärische Sonderoperation zu decken. Gemessen in US-Dollar ist dieser Anstieg jedoch aufgrund der starken Abwertung des Rubels weniger deutlich ausgefallen. Angemessene Militärausgaben sind für den Aufbau einer modernen und leistungsfähigen Armee von entscheidender Bedeutung. China hat ein enormes Potenzial für die wirtschaftliche Zusammenarbeit. Die Handelsbeziehungen zwischen Russland und China entwickeln sich aktiv – China ist seit 14 Jahren Russlands wichtigster Handelspartner, auch wenn es im bilateralen Handel noch Raum für Wachstum gibt. China ist einer der größten Märkte für russische Energieexporte: Im Jahr 2023 exportierte Russland 107 Millionen Tonnen Öl und 8 Millionen Tonnen Flüssiggas nach China. Bis 2025 werden die Gasexporte nach China voraussichtlich 38 Milliarden Kubikmeter erreichen. China ist auch ein wichtiger Akteur bei der Entwicklung der Arktis und der Nördlichen Seeroute. Es ist der zweitgrößte Anteilseigner am Yamal LNG-Projekt, an dem Dutzende chinesischer Unternehmen beteiligt sind.
Der Nördliche Seeweg erfordert einen erheblichen Ausbau der Infrastruktur und eine Flotte von Eisbrechern sowie Unternehmen, die für das Frachtmanagement zuständig sind. China ist in all diese Bereiche involviert und kann eine wichtige Rolle bei der Entwicklung der Infrastruktur in Sibirien und im Fernen Osten Russlands spielen. Das Land ist weltweit führend in Bereichen wie künstliche Intelligenz, IKT, digitale Wirtschaft und elektronischer Handel. Die Ausweitung der bilateralen Zusammenarbeit in diesen Bereichen ist für die regionale Entwicklung von entscheidender Bedeutung. China ist auch ein wichtiger Absatzmarkt für russische Produkte aus der Land- und Forstwirtschaft sowie für Meeresfrüchte. Aufgrund der geografischen Nähe sind die wirtschaftlichen Verflechtungen zwischen Nordostchina und dem Fernen Osten Russlands sehr eng geworden, was sich direkt auf das Leben der Grenzbevölkerung auswirkt.
Obwohl die Hinwendung zum Osten inzwischen eine etablierte staatliche Strategie ist, ist die öffentliche Meinung in Russland dazu uneinheitlich. Die einst populäre “Bedrohung durch China”, insbesondere die Angst vor einer demografischen Expansion, ist verblasst. Einige Ängste sind zwar noch vorhanden, aber nicht mehr vorherrschend. Diese Ängste sind auf verschiedene Ursachen zurückzuführen. Eine davon ist das tiefsitzende Misstrauen gegenüber China und die Ungewissheit über seine Absichten – die Sorge, ob China in Zukunft ein Freund oder ein Feind Sein wird, spiegelt einen Mangel an Vertrauen in die langfristige Entwicklung der Beziehungen wider. Ein weiterer Faktor ist die tief verwurzelte westliche Ideologie, die mit der Hinwendung zum Osten kollidiert. Befürworter dieser Weltanschauung glauben, dass Russlands Zukunft im Westen liegt, und argumentieren, dass China keine dem Westen ebenbürtigen Technologien, Ausrüstungen oder Kapital bereitstellen kann. Sie sehen den Pivot als letzten Ausweg, nachdem sie vom Westen ausgeschlossen wurden und wenig davon profitieren können. Die größte Sorge, die die öffentliche Meinung beeinflusst, ist die Angst vor einer zu großen Abhängigkeit von China. Einige glauben, dass Russland dadurch zum “Juniorpartner” Chinas, zum “Rohstoffanhängsel” oder zum Vasallen der chinesischen Wirtschaft werden könnte; dass die zunehmende Abhängigkeit vom chinesischen Energiemarkt die Energiesicherheit Russlands bedroht; und dass Russland in einem möglichen Konflikt zwischen China und asiatischen Staaten seine Neutralität und Handlungsfreiheit verlieren könnte. Auf dem Östlichen Wirtschaftsforum im September 2024 fragte ein Moderator einen chinesischen Delegierten sogar, was getan werde, um sicherzustellen, dass chinesische Unternehmen in China blieben und nicht nach Russland kämen.
Die verschiedenen Quellen dieser Standpunkte haben einen gemeinsamen Hintergrund: die Asymmetrie in der Entwicklung zwischen Russland und China. Ein wesentliches Merkmal der modernen russisch-chinesischen Beziehungen, die sich seit dem Zusammenbruch der UdSSR im Jahr 1991 herausgebildet haben, besteht darin, dass Chinas Wachstum das Russlands überholt hat. Zum ersten Mal in den über 300 Jahren bilateraler Beziehungen (die auf den Vertrag von Nertschinsk im Jahr 1689 zurückgehen) hat China Russland an nationaler Macht überholt. Im Jahr 2023 betrug das russische BSP 2,02 Billionen Dollar, während Chinas BSP 17,79 Billionen Dollar erreichte – mehr als achtmal so hoch. Das Pro-Kopf-BIP Russlands liegt nur geringfügig über dem Chinas: 13.800 Dollar gegenüber 12.600 Dollar. Chinas Streitkräfte sind stärker als die Russlands, besser mit modernen Waffen ausgestattet und profitieren von höheren Militärausgaben. Im Jahr 2022 belief sich der chinesische Militärhaushalt auf 292,2 Milliarden Dollar, verglichen mit 86 Milliarden Dollar in Russland.
In einigen Fällen ist die wirtschaftliche Unabhängigkeit für die Sicherheit unerlässlich, in anderen wird keine vollständige Autonomie angestrebt. In der EU beispielsweise besteht das Ziel der multilateralen Beziehungen darin, eine Wirtschaftsgemeinschaft zu schaffen, in der eine Überabhängigkeit nicht als Problem angesehen wird. Außerdem können die Bedingungen, unter denen eine Überabhängigkeit entsteht, variieren und liegen nicht immer in der Kontrolle eines Landes. Die technologische Rivalität ist der Kern des modernen internationalen Wettbewerbs. China steht selbstbewusst an der Spitze der Vierten Industriellen Revolution, die die globale Landschaft radikal umgestaltet. Das Land produziert eine enorme Vielfalt an Gütern und wird oft als die “Fabrik der Welt” bezeichnet. Es verfügt über ein großes Investitionspotenzial und investiert weltweit aktiv, insbesondere in Ländern, die an der Belt and Road Initiative teilnehmen. Trotz aller Herausforderungen und Schwierigkeiten bleibt Chinas stetiger Entwicklungstrend intakt. Seine Kapazitäten in den Bereichen Investitionen, Technologie und Ausrüstung wachsen weiter.
Aufgrund der enormen Größe der chinesischen Wirtschaft ist auch das Ausmaß der russisch-chinesischen Wirtschaftskooperation bedeutend, und ihr Anteil am russischen Außenhandel nimmt unweigerlich zu. Dies ist ein natürlicher und nicht-negativer Prozess. Er zeigt, dass die wirtschaftliche Zusammenarbeit für beide Länder immer nützlicher und wichtiger wird. Weder die russische noch die chinesische Regierung zeigen sich besorgt über das Ausmaß der wirtschaftlichen Zusammenarbeit. Im Gegenteil, beide Seiten sind der Meinung, dass das volle Potenzial ihrer wirtschaftlichen Zusammenarbeit erst noch ausgeschöpft werden muss.
China kann Russland vielleicht nicht alles bieten, was Europa kann, aber ebenso wenig kann Europa das bieten, was China kann. Sowohl Europa als auch China haben ihre eigenen wirtschaftlichen Stärken und Schwächen. Die Entwicklung zeigt, dass chinesische Technologien europäische Produkte wie Automobile, Hochgeschwindigkeitszüge, Kommunikationssysteme, alternative Energiequellen, Computer und Mobiltelefone ersetzen können. Europa wiederum kann nur bestimmte chinesische Waren ersetzen. Um wirtschaftliche Vorteile zu erzielen, kommt es nicht nur auf Investitionen, Ausrüstung und Technologien an, sondern auch auf die Fähigkeit, wichtige Waren und Dienstleistungen aus dem Ausland zu beziehen und durch Exporte und Dienstleistungshandel Devisen zu verdienen. Im Jahr 2023 erwirtschaftete Russland 90,5 Milliarden Dollar mit Energieexporten nach China, was erhebliche wirtschaftliche Vorteile mit sich bringt.
Wirtschaftliche Zusammenarbeit ist eine Beziehung der gegenseitigen Abhängigkeit. In solchen Beziehungen geben und nehmen die Länder gleichermaßen. Je mehr sie voneinander abhängig sind, desto mehr stimmen ihre Interessen überein und desto größer sind die Vorteile. Der Grad der gegenseitigen Abhängigkeit variiert zwischen den bilateralen Partnerschaften. Während die Länder bestrebt sind, ihre Außenbeziehungen zu diversifizieren, führt die wirtschaftliche Interdependenz nicht unbedingt zur Stagnation. Ein wichtiger Trend in der heutigen Weltwirtschaft ist die zunehmende Interdependenz zwischen den Nationen. Globalisierung, regionale Integration und Kooperationsmechanismen beschleunigen diesen Prozess. In der Regel streben die Länder eine Ausweitung der wirtschaftlichen Zusammenarbeit und eine Vertiefung der Beziehungen auf der Grundlage der Gleichheit zum gegenseitigen Vorteil an.
In der Tat gibt es ein Machtgefälle zwischen großen und kleinen Volkswirtschaften. Ein und dasselbe Handelsvolumen kann in Volkswirtschaften unterschiedlicher Größe ein sehr unterschiedliches Gewicht haben. Dies bedeutet jedoch weder Ungleichheit noch, dass ein Land zum Vasallen eines anderen wird. Wären die Wirtschaftsbeziehungen zwischen ungleichen Volkswirtschaften von Natur aus unfair, würde es keine echte wirtschaftliche Zusammenarbeit geben. China ist der größte oder wichtigste Handelspartner von mehr als 150 Ländern, die alle – mit Ausnahme der USA – kleinere Volkswirtschaften haben. Wenn keines dieser Länder zum Vasallen Chinas wird, wie könnte dann Russland, die viert- oder fünftgrößte Volkswirtschaft der Welt, zu einem solchen werden?
Die Frage der übermäßigen Abhängigkeit ist komplex und relativ. Einerseits kann sie positiv sein – sie stärkt die Beziehungen und erhöht den Nutzen. Andererseits kann sie aber auch negative Folgen haben, wie den Verlust der wirtschaftlichen Souveränität oder nationale Sicherheitsbedenken. Was jedoch als “übermäßige Abhängigkeit” gilt, ist schwer zu definieren, da die Beziehungen eines jeden Landes einzigartig sind.
Eine übermäßige Abhängigkeit hat nur dann negative Folgen, wenn die Beziehungen antagonistisch werden und die Länder ihre Wirtschaftsbeziehungen zu “Waffen” machen, indem sie sie zu Instrumenten für Sanktionen und Konflikte machen. Das deutlichste Beispiel sind die westlichen Sanktionen, die nach dem Ausbruch des Konflikts zwischen Russland und der Ukraine gegen Russland verhängt wurden. Dies ist jedoch keine typische Situation in den internationalen Wirtschaftsbeziehungen.
China nimmt in der Außenhandelsstruktur Russlands die wichtigste Stellung ein. Im Jahr 2023 belief sich der gesamte Außenhandelsumsatz Russlands auf 710,2 Milliarden Dollar, wobei der Handel mit China 240 Milliarden Dollar ausmachte – mehr als 30 %. Der wichtigste Bereich der wirtschaftlichen Zusammenarbeit zwischen den beiden Ländern ist die Energie. Im Jahr 2023 exportierte Russland 234 Millionen Tonnen Öl, von denen 107 Millionen Tonnen (45 %) nach China gingen. Im selben Jahr beliefen sich die russischen Erdgasexporte auf 139 Milliarden Kubikmeter, von denen 34 Milliarden Kubikmeter (etwa 25 %) nach China gingen.
Diese Zahlen sind jedoch nicht stabil. Sie spiegeln einen starken Rückgang des russisch-europäischen Handels seit dem Ausbruch des Russland-Ukraine-Konflikts, einen erheblichen Rückgang des russischen Außenhandels insgesamt und einen raschen Anstieg des Handels mit China wider. Zu den Einflussfaktoren gehören dramatische Veränderungen in der Struktur der russischen Energieexporte, insbesondere ein Rückgang der Erdgasexporte, strukturelle Verschiebungen in den Handelsströmen, der Rückzug des europäischen Vektors auf eine zweitrangige Rolle und die mögliche Aussetzung der russischen Gaslieferungen nach Europa.
Dennoch ist China noch weit von der Rolle entfernt, die Europa im russischen Außenhandel und bei den Energieexporten einst innehatte. Als Großmächte sind sowohl Russland als auch China bestrebt, eine übermäßige Abhängigkeit von externen Akteuren zu vermeiden, insbesondere in strategisch wichtigen Bereichen. Dieses Bestreben ist natürlich in ihrem nationalen Sicherheitsdenken verankert. Im Energiebereich ist Russland bestrebt, seine Exportmärkte zu diversifizieren, während China versucht, seine Importquellen zu diversifizieren. Gleichzeitig ist die Aufrechterhaltung freundschaftlicher und stabiler langfristiger Beziehungen eine notwendige Voraussetzung für die Entwicklung der gegenseitigen Abhängigkeit in eine positive und produktive Richtung.
Ob nun aus rationaler Vorsicht oder aus politischem Kalkül, der Begriff “übermäßige Abhängigkeit” beschreibt die gegenwärtigen Beziehungen zwischen Russland und China nichtzutreffend. Die moderne bilaterale wirtschaftliche Zusammenarbeit basiert auf objektiven Bedingungen und internen Bedürfnissen, und vor allem bringt sie beiden Ländern erhebliche Vorteile. Nachdem Russland seine europäischen Partner verloren hat, muss es dringend seinen Schwenk nach Osten vollziehen und seine Präsenz auf den asiatischen Märkten ausbauen – insbesondere im Energiesektor, der von strategischer Bedeutung ist.
Die derzeitige politische Agenda Russlands legt den Schwerpunkt auf die aktive Entwicklung der Zusammenarbeit mit asiatischen Ländern, insbesondere mit Partnern im Energiesektor, und nicht auf eine Verringerung ihres Umfangs. Im Gegensatz zu gewöhnlichen Gütern wirkt sich Energie auf das nationale Wirtschaftswachstum und das Wohlergehen der Bevölkerung aus. Angebot und Nachfrage im Energiebereich schaffen eine wechselseitige Abhängigkeit, nicht eine einseitige. In diesem Zusammenhang sind Befürchtungen einer übermäßigen Abhängigkeit weitgehend unangebracht. In der Regel sind die Exporteure proaktiver als die Importeure. Historisch gesehen ist das exportierende Land eher in der Lage, Energie als politisches Instrument zu nutzen.
China hat weder die Absicht, für irgendein Land ein “großer Bruder” zu sein, noch will es “kleine Brüder” haben. Dieses Konzept steht im Widerspruch zu seiner politischen Philosophie und Politik. Die Vorstellung von “älteren und jüngeren Brüdern” entspricht nicht dem modernen politischen Denken Chinas. Russland ist eine stolze Nation, die niemals den Status eines Juniorpartners akzeptieren würde. Chinas Beziehungen zu seinen Nachbarn, unabhängig von der Größe ihrer Volkswirtschaften, beruhen auf Gleichheit und gegenseitigem Respekt. China behandelt sie niemals herablassend oder erhebt Anspruch auf einen höheren Rang. Wie konnte also Russland – eine Weltmacht – zu Chinas “kleinem Bruder” werden?
